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Sßweiundzwanzigstes Buch.
des modernen protestantischen Christentums, wenn nicht des
modernen Christentums überhaupt. In Bückeburg (1771 bis
1776) von einem Kreise religiöser schöner Seelen umgeben,
die Gräfin Maria als sein Beichtkind und seine Madonna zu—
gleich verehrend, wandte er sich in Worten orphischen Tones
ganz einer subjektiv-mystischen Theologie zu und verkündete
ein Gefühlschristentum der Zukunft. In seiner Schrift über
die älteste Urkunde des Menschengeschlechts betrachtete er den
Schöpfungsbericht der Genesis zwar auch, wie in seiner früheren
Zeit, als ein Gedicht und insofern symbolisch, aber als ein
göttliches Gedicht, als eine Uroffenbarung, deren Bericht alle
anderen Hypothesen der Weltentstehung ausschließe. In seinen
Erläuterungen zum Neuen Testamente gab er eine pathetische
Verteidigung des biblischen Supranaturalismus; und die
Wunder der Schrift, von der übernatürlichen Geburt Christi
bis zur Himmelfahrt, galten ihm als geschichtliche Tatsachen,
doch unter besonderer Betonung der idealen Wahrheit, die sie
enthalten sollten. Es waren Lehren, auf die recht eigentlich
sich Leibnizens Wort anwenden läßt: „le présent est chargé
du passeé et gros de l'avenir.“ Waren sie noch geeignet,
den Zusammenhang mit alter Orthodoxie und altem Dogma
festzuhalten, so wiesen sie doch, indem sich Gemütsüberschweng⸗
lichkeit und subjektiv-religiöser Sinn in ihnen trafen, zugleich
auf Zeiten hin, in denen christliche Verinnerlichung der Einzel—
persönlichkeit zu einer mehr oder minder verwirklichten Symbolik
der geschichtlichen Heilstatsachen führen sollte.
Einen eigentlichen Abschluß bestimmter religiöser Strö—
mungen bedeutet also auch Herder nicht; und auch die in der
Richtung etwa seiner Anschauungen verlaufende Philosophie,
etwa die von Fries, der die Schönseligkeit Jacobis in der
religissen Begeisterung, Entsagung und Andacht als in einem
ästhetischen Dreiklang idealer Gemütsstimmungen zum Welt—
gesetz erhob, hat eine feste Grundlage vollendeter subjektivistischer
Frömmigkeit nicht geschaffen.
Soll die Stellung Herders und der Zeit des primitiven
Subjektivismus auf religiösem Gebiete völlig verstanden werden,