Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 
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so muß allerdings in der Geschichte des Christentums weiter, 
ja sehr weit zurückgegriffen werden. 
Das Christentum hatte unter dem Einflusse der Griechen 
früh deren anschauliche Denkformen angenommen. So war 
der anschaulichen Welt des Diesseits eine transzendente an— 
schauliche Welt gegenübergestellt worden, die in den Gestalten 
der Dreieinigkeit gipfelte. Dieser Kosmos, in ein förmliches 
Reich von Dogmen ausgestaltet, war dann an die Römer ge— 
langt. Die Römer aber begriffen ihn in ihrer Weise als 
Rechtssystem; die Dogmen wurden Kanones, und der sinnige 
Glaube der Hellenen Forderung des Gehorsams. 
Das ist das Christentum, das das Mittelalter überkam: 
konnte es, bei der seelischen Konstruktion dieser Zeiten, anders 
als noch starrer, bindender, gesetzmäßiger werden? 
Aber jetzt nahten die neueren, in der Entwicklung der 
Frömmigkeit vornehmlich von germanischem Geiste getragenen 
Zeiten. Ihnen handelte es sich bald nicht mehr zum die zu 
glaubende äußere Anschaulichkeit dogmatisch gefaßter Offen— 
barungsvorgänge, sondern um die Innerlichkeit religiöser Emp⸗ 
findungen: sie wollten nicht eine sichtbare und vorstellbare 
Mythologie und Magie, sondern eine unsichtbare, in den Per— 
sonen allein lebende und wirkende Welt des Idealen. Den 
ersten, vielleicht wichtigsten Schritt in dieser Richtung tat die 
Reformation; und mit Hinblick auf den späteren Gesamt— 
verlauf des deutschen Geisteslebens vornehmlich Luther. Luther 
erreichte diese Welt des Idealen, indem er die Rechtfertigung 
des Menschen, d. h. die Daseinsmöglichkeit des Menschen vor 
Gott, als etwas hinstellte, das sich für eine gemütsmächtige 
Zuversicht christlichen Gottesglaubens als sicher ergäbe. Allein 
er meinte, daß eine Zuversicht nicht erreicht werden könne 
ohne Gottes Beihilfe in der sakramentalen Wirkung des 
Abendmahls: in diesem Punkte blieb er, auf Paulus gestützt, 
an der Meßopferidee der Kirche des Mittelalters und damit 
an der Vorstellung einer unbegreiflichen Kausalität Gottes 
innerhalb der uns betreffenden sittlich-religiösen Erziehung 
haften.
	        
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