Neue Gesellschaft, neues Seelenleben.
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so muß allerdings in der Geschichte des Christentums weiter,
ja sehr weit zurückgegriffen werden.
Das Christentum hatte unter dem Einflusse der Griechen
früh deren anschauliche Denkformen angenommen. So war
der anschaulichen Welt des Diesseits eine transzendente an—
schauliche Welt gegenübergestellt worden, die in den Gestalten
der Dreieinigkeit gipfelte. Dieser Kosmos, in ein förmliches
Reich von Dogmen ausgestaltet, war dann an die Römer ge—
langt. Die Römer aber begriffen ihn in ihrer Weise als
Rechtssystem; die Dogmen wurden Kanones, und der sinnige
Glaube der Hellenen Forderung des Gehorsams.
Das ist das Christentum, das das Mittelalter überkam:
konnte es, bei der seelischen Konstruktion dieser Zeiten, anders
als noch starrer, bindender, gesetzmäßiger werden?
Aber jetzt nahten die neueren, in der Entwicklung der
Frömmigkeit vornehmlich von germanischem Geiste getragenen
Zeiten. Ihnen handelte es sich bald nicht mehr zum die zu
glaubende äußere Anschaulichkeit dogmatisch gefaßter Offen—
barungsvorgänge, sondern um die Innerlichkeit religiöser Emp⸗
findungen: sie wollten nicht eine sichtbare und vorstellbare
Mythologie und Magie, sondern eine unsichtbare, in den Per—
sonen allein lebende und wirkende Welt des Idealen. Den
ersten, vielleicht wichtigsten Schritt in dieser Richtung tat die
Reformation; und mit Hinblick auf den späteren Gesamt—
verlauf des deutschen Geisteslebens vornehmlich Luther. Luther
erreichte diese Welt des Idealen, indem er die Rechtfertigung
des Menschen, d. h. die Daseinsmöglichkeit des Menschen vor
Gott, als etwas hinstellte, das sich für eine gemütsmächtige
Zuversicht christlichen Gottesglaubens als sicher ergäbe. Allein
er meinte, daß eine Zuversicht nicht erreicht werden könne
ohne Gottes Beihilfe in der sakramentalen Wirkung des
Abendmahls: in diesem Punkte blieb er, auf Paulus gestützt,
an der Meßopferidee der Kirche des Mittelalters und damit
an der Vorstellung einer unbegreiflichen Kausalität Gottes
innerhalb der uns betreffenden sittlich-religiösen Erziehung
haften.