Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

278 Zweiundzwanzigstes Buch. 
Diese Rechtfertigungslehre Luthers verlor nun mehr äußer⸗ 
lich infolge der Fortschritte der Naturwissenschaften seit dem 
17. Jahrhundert, tatsächlich aber mehr durch eine immer stärkere 
Entwicklung eines allgemeinen einfachen Kausalitätsbewußtseins 
ihren inneren Halt. Mit dem Emporkommen des Subjektivis⸗ 
mus wurde eine neue Begründung des religiösen Idealismus 
notwendig. 
Nun hatten allerdings schon einige Richtungen der spekula— 
tiven Theologie des 16. Jahrhunderts von Opferbegriff und 
kirchlichem Sakramentalismus abgesehen: so bis zu einem ge⸗ 
wissen Grade die reformierten Kirchen, weit mehr noch die 
täuferischen: eingeführt hatten sie statt dessen vornehmlich den 
Gedanken der forma dei im Menschen, des als Vorbild in 
uns allgegenwärtigen Christus. Gewiß hatte dabei diese Idee 
noch manches Unklare, Ideologische, ja Magische. Dennoch 
müssen diese Richtungen als Vorläufer der subjektivistischen 
Frömmigkeit, soweit sie christlichen Boden beibehielt, bezeichnet 
werden. 
Wenn auch nicht äußerlich, wie es in der späteren Durch— 
bildung der subjektivistischen Lehren vielfach geschah, so doch 
innerlich knüpfte Herder an sie an: spann den hier auf⸗ 
genommenen Faden weiter. Aber gelangte er zur vollen Klar— 
heit einer neuen Frömmigkeit, die doch vor allem Ruhe in 
Gott bedeuten mußte? Schon sein schwankender Begriff des 
Wunders zeigt, daß dies nicht der Fall war. Noch überwog 
zu sehr das Gefühl in ihm; dies Gefühl mußte gleichsam erfi 
durch ein Verstandesbad gereinigt und geläutert werden, ehe 
aus ihm eine volle Frömmigkeit der neuen Zeit emporstieg. 
Diese Läuterung aber wurde ihm durch die Philosophie Kants 
zu teil, und zum eigentlichen Eroberer der heute weitverzweigten 
Gebiete subjektivistischer Frömmigkeit ist erst Schleiermacher ge⸗ 
worden. 
Wollen wir, um an dieser Stelle die Erzählung so weit 
zu führen, die Bedeutung Kants in diesem Zusammenhange 
S. dazu z. B. Bd. V, 1 S. 357 ff.
	        
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