Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Einleitung. 
und in Amsterdam. Aber in Hamburg bildete sich der Sinn 
für das Schauspiel erst aus, als die Anfänge des Dramas im 
ganzen vertrocknet waren, und so verfiel die reiche Stadt, wie 
Handelsmetropolen so gern, einer leichten Oper. In Amster⸗ 
dam wiederum erwuchs um 1600 zwar eine ziemlich hochstehende 
Posse, aber das ernste Schauspiel lehnte sich zu sehr an Bei— 
spiele der Alten, vor allem an das des sogenannten Senecas 
an, um sich eigenständig, ja auch nur lebenskräftig zu entfalten. 
So fand Vondel keine Nachfolger, und die vorzeitige Blüte 
verdorrte. In Binnendeutschland aber waren inzwischen die 
Fürsten Pfleger des Schauspiels geworden; und deren nirgends 
fast durch ein großstädtisches Publikum beeinflußte Bühnen 
wurden einstweilen nur zu Schauplätzen individueller, meist 
der Pflege des Fremden gewidmeter Laune, nicht aber zu Pfleg⸗ 
stätten nationaler Dichtung. 
So waren denn die Keime einer großen individualistischen 
Dichtung, wie sie im Drama vornehmlich und in der Satire 
hätten aufgehen können, um die Mitte des 17. Jahrhunderts 
schon nirgends mehr unversehrt; wo sie aber getrieben hatten, da 
wurden ihre jungen Schößlinge von dem Geistesleben der nun⸗— 
mehr beginnenden zweiten Periode des Zeitalters nur noch 
verstandesmäßig gepflegt. Die Satire wurde damit im ganzen 
gutmütig, salonmäßig, witzig, munter und galant, gelegentlich 
auch wohl ehrbarlich frivol; und die in dieser neuen Zeit fest⸗ 
stehende Lehre, daß die Dichtung eine Kunst der Vernunft 
und der Dichter ein kenntnisreicher Reimschmied sei, ver—⸗ 
scheuchte jeden Gedanken an die großen Leidenschaften des 
Dramas. Wo auf diesem Gebiete daher noch Größeres ge⸗ 
schaffen wurde, nahm es eine Ausnahmestellung ein; und um 
1730 gab es überhaupt kein deutsches Drama mehr. 
Freilich war darum die Dichtung als Ganzes um diese 
Zeit keineswegs völlig abgeblüht. Indes stand dem Drama 
Ind der Satire in ihrem Verfalle eine Lyrik nicht minder 
traurigen Charakters zur Seite, die nach der Vorstellung ge— 
fertigt wurde, die Poesie sei eine „Wissenschaft, ein Gedicht 
zu machen, an welchem kein gelehrter Voet etwas Erhebliches
	        
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