fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 279 
verstehen, so ist von des Philosophen kategorischem Imperativ 
auszugehen. Herders Frömmigkeit war nur Gefühl; Kants 
Imperativ dagegen ist eine Art Idee. Dementsprechend ist die 
Ethik und Religion Kants nicht gefühls-, sondern verstandes⸗ 
mäßig, ja so verstandesmäßig, daß die Moral nicht aus 
Neigung, sondern rein um ihrer selbst willen verwirklicht 
werden soll, und daß die Religion von der Moral beinahe 
verschlungen wird, während der Glaube als eine Sache des 
Verstandes erscheint. Da ist denn klar, daß einer solchen Auf— 
fassung der Begriff des Wunders auch in religiösen Dingen 
nicht mehr haltbar war: die äußere Magie verschwand, und 
der religöse Prozeß im einzelnen konnte höchstens noch als 
psychologisches Wunder oder als Erscheinung einer noch un— 
bekannten psychischen Kausalität erklärt werden. Dies ist der 
Punkt, von dem aus Schleiermacher zur subjektivistischen Ver— 
innerlichung des Christentums fortschritt. — 
Der Verlauf unserer Erzählung hat ergeben, daß auf 
religiössem Gebiete gegenüber dem überschwellenden Gemüts— 
— 
nach manch unklarem Ringen der Weg gefunden wurde, der 
zu neuen beherrschenden Tendenzen, neuen Dominanten christ⸗ 
licher Frömmigkeit führte. Rascher, doch auch noch schwierig 
genug verlief die Klärung auf rein sittlichem Gebiete. 
Mit dem Gefühlsüberschwang der Empfindsamkeit waren 
die sittlichen Ideale des Individualismus vielfach verblaßt, 
und war zugleich eine Schwächung der Willensfunktionen ein⸗ 
getreten!. Unter diesen Vorgängen gestaltete sich vor allem 
eine Fundamentalerscheinung aller Sittlichkeit, ja in Zeiten 
hoher Kultur und freier Persönlichkeit vielleicht die Grund— 
erscheinung überhaupt, das Verhältnis der beiden Geschlechter 
zueinander, wesentlich um. Auf der einen Seite gewann die 
Liebe eine Glut, von der man bisher, wenigstens bewußt, nie⸗ 
mals ergriffen worden war. Aber neben der sinnlichen Seite 
der Liebe entwickelte sich eine nicht weniger merkwürdige 
S. oben S. 232 ff.
	        
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