Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 281 
Schillers: „O Lotte, ich fürchte, du umfassest ein Ideal, das 
du nie besessen hast. Die Männer, selbst die besten, können 
nicht lieben wie wir, ihre Seele kann nicht ruhen in einem 
Gegenstand, nicht sich verlieren in Liebe; sie fühlen noch ihr 
Wesen, während wir es vergessen haben.“ 
So ist die Liebe dieser Zeit zumeist nicht glücklich; Misch— 
gefühle überwiegen, und nicht selten erfährt das Verhältnis 
Liebender jähen Umschwung. Ist dabei die läßlich-frivole 
Auffassung freierer Verhältnisse, wie sie namentlich der Aus⸗ 
gang des Individualismus erlebt hatte, immer mehr aus— 
geschlossen, so gewinnen um so mehr Unstätheit, Unbehagen und 
Selbstpeinigung die Überhand: und Liebesangelegenheiten, die 
nicht, unter Verzicht auf manche Überspanntheit, in der Ehe 
dennoch ihren günstigen Abschluß fanden, pflegten nur zu leicht 
zu verlaufen, wie die in mancher Hinsicht typische Werthers. 
Dagegen ließ das freie und selbständiger gewordene Ver— 
hältnis beider Geschlechter zueinander eine Art einfacher und 
wahrer Freundschaft zu, die frühere Zeiten kaum oder nur 
als Ausnahme gekannt hatten; und schon war der ideale Ge— 
halt des Lebens in der allgemeinen Würdigung hoch genug 
gestiegen, um solche Freundschaften ohne starke Schlagschatten 
eines sinnlichen Hintergrundes zu ermöglichen. Wie vieler 
Freundschaften junger Mädchen hat sich Goethe neben seinen 
Liebschaften rühmen dürfen! Und wie verhältnismäßig leicht 
ließen sich Mädchen über die Herzensgeheimnisse ihrer Liebe 
gegenüber treuen Freunden aus! Es entsprach der Empfindung 
der Zeit, wenn die Ansicht geäußert wurde, eines Freundes 
bedürfe der Mann nur für die Angelegenheiten des Kopfes, 
für die des Herzens dagegen der Freundin. 
Freilich: auch die Freundschaft unter Männern wurde 
begeistert gepflegt; wir haben davon schon früher in anderem 
Zusammenhange vernommen!. Und mehr! Man war über— 
haupt weit davon entfernt, die Gefühle der Freundschaft nur 
auf den engsten Kreis der Umgebung eingeschlossen zu denken. 
So oben S. 260f.
	        
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