282
Zweiundzwanzigstes Buch.
Auch das ahnen wir schon aus den allgemeinen Zusammen—
hängen: Freundschaft hieß dem Zeitalter der Eros Platons,
engster geistiger Zusammenhalt Gleichgesinnter und gefühl⸗
vollstes gegenseitiges Verständnis. So kann Herder in der
Vorrede zu den Ideen zur Geschichte der Menschheit hoffen,
mit allen, die mit ihm empfinden und denken, durch sein Buch
in engste geistige Beziehung zu treten: der Verfasser „rechnet —
denn was in der Welt hätte es sonst für Reiz, Autor zu
werden und die Angelegenheiten seiner Brust einer wilden
Menge mitzuteilen? — er rechnet auf einige, vielleicht wenige
gleichgestimmte Seelen, denen im Labyrinth ihrer Jahre diese
oder ähnliche Ideen wichtig wurden. Mit ihnen bespricht er
sich unsichtbar und teilt ihnen seine Empfindungen mit, wie
er, wenn sie weiter vorgedrungen sind, ihre besseren Gedanken
und Belehrungen erwartet. Dies unsichtbare Kommerzium der
Geister und Herzen ist die einzige und größte Wohltat der
Buchdruckerei, die sonst den schriftstellerischen Nationen ebenso
viel Schaden als Nutzen gebracht hätte.“
Ja selbst damit noch nicht genug. Wie der platonische
Eros der Weltschöpfer war, so erscheint dem neuen Zeitalter
die „Schwärmerei“, die Summe der der Freundschaft zugrunde
liegenden Gefühle, als die Realität aller Realitkäten. Wenn
der Schwärmer seine Empfindung in warme, dunkle, verflochtene
Sprache hüllt, so hat er daran Wahrheit und bildet in sich
die Urbilder der Dinge, die Ideen nach; weichen aber die
schwärmerisch in ihrer Fülle erfaßten Gegenstände hinweg, geht
der Dunst der schöpferischen Abstraktion verloren, so stirbt die
Wahrheit und entsteht die Lüge.
Mußte unter diesen Umständen nicht die Freundschaft, als
der wärmste Ausdruck der Empfindsamkeit, das eigentliche
Band und das Ziel der Welt, mindestens der Menschenwelt
sein? In der Tat: „Geselligkeit, Freundschaft, wirksame Teil—
nahme sind fast der Hauptzweck, worauf die Humanität in
— DDDDDDD
Herder, Ideen V Kap. 6.