Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 283 
aus dem Begriffe der Freundschaft heraus wird, wie die Liebe 
zum Vaterlande, so vor allem und frühesten die Empfindung 
eines weitherzigen Kosmopolitismus gewonnen, der über die 
Grenzen des europäischen Weltbürgertums hinaus auch den 
Neger als Bruder schätzt. 
Gewiß war auch schon im Mittelalter ein gewisser Kosmo⸗ 
politismus gepflegt worden; war die stoische Idee von der 
Einheit des Menschengeschlechtes verloren gegangen, so glaubte 
man doch an eine generelle, wenn auch nicht eben psycho⸗ 
logische Einheit der Menschheit. Der Rationalismus als 
vollendetste Denkform des individualistischen Zeitalters hat 
dann diese Auffassung vertieft. Seine ungeschichtliche Be— 
trachtungsweise ließ ihn menschliches Handeln und Empfinden 
zu allen Zeiten und in allen Räumen als gleichmäßig ansehen: 
woraus sich notwendig auch eine grundsätzlich gleichartige seelische 
Konstruktion der Menschenwelt ergab. Es war die Unterlage, 
auf der dann die Literatur der Reisebeschreibungen, Missions⸗ 
berichte und Abenteurerromane die Idee von der menschlichen 
Einheit in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts weitesten 
Kreisen nahe brachte, während sie gleichzeitig in Leibnizens 
Lehren eine neue philosophische Vertiefung erhielt. 
Dies war die Vorarbeit zur Entwicklung eines all— 
gemeinen Kosmopolitismus, die das neue Zeitalter des 
Subjektivismus übernahm, und deren Begriffssystem es nun⸗— 
mehr mit innigstem Gefühle erfüllte. Auf diesem Wege ent⸗ 
faltete sich aus dem aufklärerischen Bewußtsein der Einheit 
dessen Empfindung: das hohe Gefühl der Humanität wurde 
lebendig. Freilich: zerfielen nicht eben diese Gefühle wiederum 
in verschiedene Klassen? Mitleidsvoll blickte man auf die 
„Skizzen unserer Gattung“, auf Amerikaner, Asiaten und Neger 
herab. Bewundernd aber und reich an Demut schaute man 
anderseits auch zu den Zeiten zurück und empor, von denen 
man glaubte, daß sich in ihnen die Kräfte der Menschheit am 
herrlichsten ausgewirkt hätten. Es waren die Tage des 
höchsten Griechentums. Da war der „schöne Mensch“ zur 
Wirklichkeit geworden. Da ward der Traum des Lebens am
	        
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