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Sweiundzwanzigstes Buch.
wunderbarsten geträumt. Da offenbarte sich sichtbarlich der
Alldämon der Geschichte. Da war noch nicht Staat und Kirche
auseinandergerissen, da waren Gesetz und Sitte noch eins;
und in sich innerlich ebenmäßig erschienen Mittel und Zweck,
Anstrengung und Belohnung, Genuß und Arbeit: denn die
Menschen dieser Zeiten waren vollendete Kunstwerke der
Schöpfung.
Diese Zeiten wieder zu erreichen oder sich ihnen wieder
zu nähern — den Augenblick zu erfassen und zu erleben, da
die „innere lebendige Notwendigkeit walten“ wuürde über alles,
was Mensch heißt — die Welt des Geschehenden zu erleben als
einen vollkommenen Ausdruck der Gesetze des göttlichen Uni⸗
versums — die Mär der Weltgeschichte enden zu sehen in der
Verbrüderung aller: das war ein höchster Traum dieser Zeiten,
der mit mildem Glanze Goethes Iphigenie wie Lessings Nathan
wie die Schriften Herders durchleuchtet.
Es ist, wie im Grunde die ganze sittliche Haltung der
Empfindsamkeit, ein Zustand des Gemüts und Strebens, der
schließlich nur zu leicht aus allem Konkreten hinaus ins Wesen⸗
lose, schemenhaft Unfaßliche führen und damit in Selbst⸗
vernichtung enden kann. Dies sind die Gefühle einer patho⸗
logischen Entwicklung, die Goethe in der Schilderung des
jungen Werthers zum Ausdruck gebracht hat. Und meisterhaft
hat Schiller diesen Zusammenhang in der Charakteristik Werthers
dargelegt: „Ein Charakter, welcher mit glühender Empfindung
ein Ideal umfaßt und die Wirklichkeit flieht, um nach einem
wesenlosen Unendlichen zu ringen, der, was er in sich selbst
unaufhörlich zerstört, unaufhörlich außer sich sucht, dem nur
seine Träume das Reelle, seine Erfahrungen ewig nur
Schranken sind, der endlich in seinem eigenen Dasein ewig
nur Schranken sieht und auch diese noch einreißt, um zu der
wahren Wirklichkeit durchzudringen, dieses gefährliche Extrem
des sentimentalischen Charakters ist der Stoff eines Dichters
geworden, in welchem die Natur getreuer und reiner, als in
irgend einem anderen, wirkt. Mit glücklichem Instinkt ist alles,
was dem sentimentalischen Charakter Nahrung gibt, im Werther