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Zweiundzwanzigstes Buch.
wieder stärker betont, wenn auch zunächst nur für das Ver—
ständnis der höchsten, geistigen Interessen; und mit Stolz be—
ginnt man wieder von den letzten großen Zeiten Deutschlands
zu sprechen, von deutscher Art und Kunst im 14. und 15. Jahr⸗
hundert, von der Blüte des spätmittelalterlichen Volksliedes,
von der Reformation Luthers und Zwinglis. Aber es waren
nur Anfänge; Goethe hat von der Literatur dieser und noch
späterer Zeiten mit Recht sagen können, ihr Gehalt sei noch
kein „nationeller“; und wir werden später zu hören haben!,
wie langsam, wenn auch immerhin schon seit etwa den sech⸗
ziger Jahren des 18. Jahrhunderts, ein neues zugleich poli—
tisches und nationales Interesse erwachte. Noch schwächer aber
waren die Einwirkungen innerhalb der Nation auf die Gesell—
schaft. Woher hätten sie auch kommen und wohin sich er—
strecken sollen? Absolutismus und Aufklärung des individua—
listischen Zeitalters hatten jeden frischen Drang, jede keimhafte
Regung zu sozialen Fort- und Neubildungen erstickt. So war
es genug, wenn die Bewegung wenigstens eine allgemeine
Milderung der Sitten nach sich zog: Reste früherer Zeiten,
die man jetzt als „Bestialität“ bezeichnete: Rauferei bei jeder
Gelegenheit, mehr als derber Spaß, auch Trunksucht und manch
anderer Unflat verschwand oder unterlag wenigstens der Ab—
nahme.
War so der Einfluß auf die höheren sittlichen Momente
des Lebens gering, weil die Beziehung zu ihnen vielfach
mangelte, so wirkte die neue Zeit mit doppelt gewaltiger
Kraft auf die Urzelle alles menschlich-gemeinsamen sittlichen
und staatlichen Lebens, auf die Familie.
Bis zu welchem Grade haͤtte sich doch, vornehmlich im
Beginne des individualistischen Zeitalters, die Familie von der
Gebundenheit losgelöst, die sie im Mittelalter gekennzeichnet
hatte?: frei war sie geworden von wichtigen, bis dahin noch
bewahrten Einspruchs- und Einwirkungsrechten des Geschlechtes,
Im neunten Bande, Buch XXIII.
Vgl. dazu Bd. VI S. 5662.