Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Übersicht über den inneren Verlauf des individualistischen Zeitalters. 19 
auszusetzen finden kann“!. Aber daneben hatten sich doch schon 
längst die Keime von etwas Neuem geregt: im Kirchenlied, in 
einer frommen Persönlichkeitslyrik, im Kneip- und Gesellschafts— 
lied: bis Dichter wie Günther oder Haller mit einer neuen Poesie 
ganz aus den Vorstellungen des ausgehenden Individualismus 
heraustraten. Man strebte zum Gefühl, zur Empfindung hin 
und leitete damit eine volle Annäherung zum jugendlichsten, 
frühesten Subjektivismus ein, bis der volle Schritt zur litera— 
rischen Revolution getan wurde. 
Und schon hatte neben alledem vom 16. Jahrhundert ab 
ein Gebiet der Phantasietätigkeit geblüht, das sich, reicher ent— 
wickelt, den seelischen Anforderungen des Individualismus über— 
haupt nur schwer fügte: das der Musik. Denn die Musik ist die 
ausgesprochene Kunst der gestaltungslosen Empfindung, die kon— 
krete Gedanken, ja individuelle Vorstellungen abwehrt — jener 
Empfindung, deren volle seelische Gültigkeit ja eben das indivi— 
dualistische Zeitalter mit steigender Hartnäckigkeit verneinte. Frei— 
lich ist sie auch anderseits eben besonders die Kunst individua— 
listischer und subjektivistischer Zeitalter, indem sie Gefühle durch 
Töne symbolisiert und damit die Zurückführung der von ihr 
gefundenen Tonsymbole in Empfindungsreihen ganz dem künst⸗ 
lerischen Nachleben und damit dem persönlichen Geschmacke 
des einzelnen Zuhörers überläßt. 
Diese Doppelstellung der Musik erlaubte es, sie im Ver— 
laufe des 16. bis 18. Jahrhunderts trotz alles Absterbens der 
Zeit gegen das Gefuühl schon glänzend zu entwickeln und eben 
von ihr aus in gewissem Sinne am frühesten von den letzten 
Stufen einer individualistischen auf die Höhe einer subiekti— 
vistischen Kultur überzutreten. 
Das 15. Jahrhundert hatte auf musikalischem Gebiete in 
der vollsten virtuosen Entwicklung des Kontrapunkts eigentlich 
nur Tonexerzitien gekannt. Das 16. Jahrhundert, überhaupt 
die erste Periode des Individualismus brachte dagegen schon 
die Freude am schönen Ton, wenn auch noch in den herben 
So Teuber, ein Anhänger Gottscheds; Borinski S. 375. 
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