Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 293 
und siebziger Jahren, eben in den führenden Schichten eine 
Freiheit in der praktischen Auffassung der Ehe, die zu den 
bedenklichsten Erscheinungen führte. „Seelenfreundschaften“ 
und verwandte Verhältnisse nehmen zu; die Pasquille der Zeit, 
wie übertreibend auch immer, ergeben für die größeren Städte 
ein trübes Bild; in Weimar gab es nach dem Ausspruche 
Jean Pauls, der 1796 dort weilte, keine Ehen mehr; in Jena 
uͤnd Berlin wurden die Grundsätze der Schlegelschen Gemeinde 
in die Praxis umgesetzt; am ersteren Orte lebte Dorothea Veit, 
nach der Scheidung von ihrem Manne, mit Friedrich Schlegel 
in einem „Bunde freier Liebe“. 
So traten auf diesem Gebiete neben allem Förderlichen 
doch auch Anzeichen innerster Unfertigkeit zutage; und wohl 
erst die Romantik hat die neue Ehe als ein Problem begriffen. 
Und wie radikal suchte sie noch die Lösung! „Fast alle Ehen 
sind nur Konkubinate, Ehen an der linken Hand, oder viel— 
mehr provisorische Versuche und entfernte Annäherungen zu 
einer wirklichen Ehe, deren eigentlichstes Wesen nicht nach den 
Paradoxen dieses oder jenes Systems, sondern nach allen geist⸗ 
lichen und weltlichen Rechten darin besteht, daß mehrere Per— 
sonen nur eine werden sollen ... Wenn aber der Staat gar 
die mißglückten Eheversuche mit Gewalt zusammenhalten will, 
so hindert er dadurch die Möglichkeit der Ehe selbst, die durch 
neue vielleicht glücklichere Versuche befördert werden könnte“:. 
Und man kann sagen, daß, wie auf dem Gebiete der 
Familie und Ehe, so überhaupt im Bereiche der sozialpsychischen 
Kräfte der Frühzeit des Subjektivismus bis hinein ins 19. Jahr— 
hundert praktische sittliche Synthesen nicht völlig gelangen. Man 
ging wohl im Verkehr beider Geschlechter zum Natürlicheren 
uͤber, die Umgangsformen wurden freier, der Gesprächsstoff 
reicher und mannigfaltiger. Und auch die Geselligkeit nur der 
Männer vervielfachte und verfeinerte sich. Im Kaffeehaus 
sprach man nicht mehr bloß über Mein und Dein, Schöngeister 
und Gelehrte sahen sich zu bestimmten Stunden in den Buch— 
Athenäum J, 2 S. 11.
	        
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