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Zweiundzwanzigstes Buch.
läden, um Neuigkeiten des Buchhandels gemeinsam zu genießen,
literarische Gesellschaftsgruppen lokaler und regionaler Art ent—
standen um Gottsched, Gellert, Gleim und andere. Für beide
Geschlechter aber bildeten Konzert und Theater „magische Be—
rührungs- und Indifferenzpunkte“, und über sie hinaus gingen
noch die ständigen Wirkungen feingeistiger Höfez, insbesondere
des Hofes von Weimar. Aber gleichwohl: volle und aus—
geglichene Formen einer geistigen Gesellschaft, in der sich starre
wirtschaftliche und soziale Gegensätze, gelöst und geeint hätten,
waren noch nicht vorhanden.
Wie hätten da die noch festeren Verbände menschlicher
Gemeinschaft, Ständebildung und Staat, schon von dem neuen
Geiste praktische Umgestaltung erfahren sollen? Soziale Pro—
—DDDV
Angriff genommen; an soziale Verpflichtungen gegenüber den
niederen Klassen als solchen dachte man nicht; nur von der
christlichen Charitas erwartete man Förderung. Und auch dem
Staate nahte man keineswegs mit grundsätzlichen Tendenzen,
in denen sich etwa das neue Seelenleben schon ausgesprochen
hätte. Zwar forderten die milderen Sitten da und dort eine
Reform, so namentlich in der Rechtspflege; der Gedanke einer
mündigen Beteiligung der Staatsbürger dagegen am Staate,
der Mut gar zu Verfassungsänderungen kam trotz gelegent—
licher republikanischer Gebärden niemand!.
Praktisch kam für die Auswirkung des neuen Seelenlebens
innerhalb der sittlichen und Rechtssphäre einstweilen vornehmlich,
ja fast ausschließlich das Individuum in Betracht. Und da
ging die Entwicklung denn freilich, zumal die Fortbildung der
Einzelpersonen in ein neues Seelenleben hinein unverkennbar
war, mit wachsender Energie und unter starken Ergebnissen
vor sich.
Allerdings ein erster Versuch, der noch den Zeiten der Emp⸗
findsamkeit und des Sturmes und Dranges angehörte, mußte
auch hier scheitern. Jeder Zeit fast des Uberganges von einem
über diese Fragen wird in Bd. IX genauer gehandelt werden.