Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 295
Kulturzeitalter zum anderen ist die Furcht eigen, daß, bei der
zunehmenden Freiheit der Individuen, die Kultur in bloße
Einzelbestrebungen und Egoismen auseinander fallen könne.
Und demgegenüber pflegt eine solche Zeit emphatisch an den
Busen der Natur zu flüchten. Das bedeutet an sich schon das
Aufsuchen eines Urzustandes. Indem aber in solchen Jahren
zugleich auch noch Reaktionsgefühle gegenüber den absterbenden
und verknöcherten Erscheinungen des vorhergehenden Kultur⸗
zeitalters sich geltend machen, die man durch ein Zurückgreifen
auf frühere, angeblich bessere und natürlichere Zustände glaubt
uiberwinden zu können, wird dieser Zug nach dem Wieder—⸗
aufleben eines goldenen Zeitalters, eines früheren Zustandes
des Glückes und der Unschuld noch verstärkt.
Es sind seelische Regungen, die auch den Übergang
bom Individualismus zum Subjektivismus kennzeichnen. Am
frühesten äußern sie sich auf deutschem Boden wohl in jenen
Robinsonaden seit dem Simplizissimus, in denen gefühlvolle
Seeleute und Weltumsegler Inseln von paradiesischer Unschuld
und Länder glückseligen Urmenschentums finden und auf ihnen,
reich an Entbehrungen, reicher an Überschwang der Gefühle
fortleben. Dann bietet Haller in seinen Alpen einen innigeren
Ausdruck des Sehnens heraus aus sozialer Enge und aus
konventionellen Sitten und Kulturformen nach ländlicher Un—⸗
schuld, persönlicher Gleichheit und Ungebundenheit und dem
Glück eines weltabgeschiedenen Daseins. Noch konkreter hat
diese Sehnsucht darauf Rousseau befriedigt. Ein hypochondrischer
Gefühlsmensch, suchte er fruh in Wald und Einsamkeit das
Bild der Urzeit: da schien ihm wohl, wie später im Walde
von St. Germain, nichts außer den Bedürfnissen solcher Zeiten
zum glücklichen Leben notwendig: eine Kuh, ein Schwein, ein
Gemuͤse- und Obstgarten werden zur Nahrung hinreichen.
Aber es war nur die eine Seite des Schwärmertums in
Rousseau. Nicht in die Urzeit wollte er, im Tiefsten betrachtet,
zurück, sondern vorwärts, hinein in ein „Ideal des Gemütes“,
wie es Kant ausgedrückt hat: in eine höhere, reinere Kultur,
in eine vollendetere Sittlichkeit. Es ist eine Richtung des