Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 297 
Grundlage Rousseaus abgerückt, um zum erstenmal die Frage 
der subjektivistischen Erziehung befriedigend zu lösen: nur 
schwer entschlossen sie sich dazu, als Ziel nicht mehr die Rege— 
lung des Verhältnisses der Individuen zu der bestehenden 
Gesellschaft, sondern die Ausbildung der persönlichen Fähig— 
keiten anzuerkennen. 
Inzwischen aber waren auf deutschem Boden neue Kräfte 
gezeitigt, die geeignet waren, das zunächst wichtigste aller 
Probleme, die Erziehung des einzelnen, zu fördern. Je mehr 
man Empfindsamkeit und Sturm und Drang überwand, um 
so mehr begriff man, daß nur unter Anerkennung und neuer 
Zusammenfassung der Willenskräfte in strenger Selbstzucht das 
Ziel einer neuen Pädagogik erreicht werden könne: 
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, 
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet. (Goethe.) 
Die neuen sittlichen Bestrebungen, die damit einsetzten, er⸗ 
schienen aber alsbald zugleich im ästhetischen Gewande. Es 
ist ein Zug, der von den Moralischen Vorlesungen Gellerts 
bis zu Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des 
Menschen und darüber hinaus bezeichnend ist: beginnt man 
in der sittlichen Besserung des einzelnen zunächst das erhabenste, 
ja einzige Ziel der Menschheit zu sehen, so macht man diesem 
Ideal alsbald die stärkste geistige Strömung der Zeit, die 
literarisch-ästhetische, dienstbar. 
In diesem Zusammenhange aber erhält denn auch die 
Erziehung allmählich einen besonderen Inhalt. Die Lehren 
Wolffs und teilweise auch noch der Popularphilosophen von 
der Notwendigkeit einer gemeinnützigen Tätigkeit, aus denen 
man noch in den Zeiten der Empfindsamkeit gern Anschauungen 
über die praktische Bestimmung des Menschen abgeleitet hatte, 
verblassen allgemach; und an ihre Stelle tritt nicht der bloße 
Naturdrang Rousseaus, sondern ein Streben nach einem geschicht⸗ 
lich geläuterten, historisch gleichsam stilisierten und idealisierten 
Naturgemäßen, wie es die Anschauung des Altertums in dem 
Begriffe der Humanität, den wir schon kennen, darbot. Es 
ist jene überaus merkwürdige Verbindung von Nationalem und
	        
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