Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Antikem, von Heidnischem und Christlichem, die von nun ab 
die deutsche Erziehung in fast allen ihren Institutionen durch 
beinahe ein Jahrhundert beherrscht hat; höchstens daß Kant 
ihr den Begriff der aufs allgemeine gerichteten Pflichten noch 
stärker beimischte. 
Dies Ideal der Humanität mit seiner harmonischen Aus— 
bildung der Gemüts- und Willenseigenschaften, des Geistes 
und des Körpers war Rousseau noch ganz fern gewesen. Am 
frühesten und vielleicht schönsten beschrieben hat es Herder. 
Kaum aber war es einigermaßen klar bezeugt, so begann man 
auch an seine praktische Durchführung zu denken: waren schon 
die sechziger und siebziger Jahre von pädagogischem Drange 
erfüllt gewesen, so hieß es jetzt nicht langsame Reform, sondern 
schnelle Revolution, und Goethe hat später klagen können, daß 
mindestens in einigen Staaten eine gewisse Übertreibung im 
Unterrichtswesen eingetreten sei, deren Schädlichkeit schon früh 
von tüchtigen, redlichen Vertretern anerkannt worden wäre: 
„treffliche Männer leben in einer Art von Verzweiflung, daß 
sie dasjenige, was sie amts- und vorschriftsmäßig überliefern 
müssen, für unnütz und schädlich halten.“ 
Da sich aber im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahr— 
hunderts langsam jene Differenzierung der drei Stufen von 
Lehranstalten, die wir heute kennen: Elementarschule, Mittel⸗ 
schule, Hochschule, deutlicher einstellte, so tritt damit alsbald 
die Frage auf, welche dieser Stufen vornehmlich Trägerin der 
neuen Erziehungsmethode geworden ist. 
Die Hochschule schied dabei von vornherein insofern aus, 
als ihre Lehrziele immer mehr solche der intellektuellen, nicht 
der moralischen und ästhetischen Erziehung wurden. 
Die Elementarschule aber hätte für die neue Bewegung 
an erster Stelle schon deshalb nicht in Betracht kommen 
können, weil der Inhalt der zu verwirklichenden Probleme 
über die ihr gesteckten Lehrziele zum guten Teile hinausging. 
Außerdem aber: war sie ihrer inneren Durchbildung nach zur 
glücklichen Bewältigung einschneidender Reformen geeignet? 
Es genüge hier der Hinweis, daß in dem klassischen Lande des
	        
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