Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. F 299 
Unterrichts in dieser Zeit, in Kursachsen, die Schulordnung 
Kurfürst Augusts vom Jahre 1580 bis zum Jahre 17738 ge— 
golten hat. Nicht freilich in dem Sinne, daß die Schul—⸗ 
entwicklung in den von ihr umfaßten zwei Jahrhunderten stabil 
gewesen wäre. Erst um 1700 etwa waren die Vorschriften von 
1580 wirklich ins Leben eingeführt. Aber seitdem hatte man 
sich einige Menschenalter hindurch nicht eigentlich fortgebildet. 
Im 19. Jahrhundert freilich sind die Grundlehren aller 
subjektivistischen Erziehung, wie sie des halb antiken Humanitäts— 
ideals an sich nicht bedürfen, auch der Elementarschule voll 
zugute gekommen. Hatten schon in der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts so große Pädagogen und Psychologen wie 
Pestalozzi und Tetens, der eine dem Süden, der andere dem 
Norden des Vaterlandes zugehörig, die harmonische Ausbildung 
der Kräfte und Anlagen und als deren Folge eine frohe edle 
Menschlichkeit als Ziel moderner Erziehung anerkannt, so ist 
diese Lehre im Laufe des 19. Jahrhunderts in den wunder— 
barsten und feinsten Verzweigungen in die Elementarschule 
eingedrungen und hat die edelste, weil aristokratische Demokra— 
tisierung der Nation herbeigeführt. 
Die Mittelschulen aber, deren in den ersten Jahrzehnten 
des 18. Jahrhunderts allein auf preußischem Boden gegen vier— 
hundert begegnen, waren an sich wohl eine Schöpfung früherer 
Zeiten. Was dabei.die höchsten Lehrziele einer einfachen Bürger— 
schulerziehung gegen Ende des 16. Jahrhunderts waren, läßt 
sich vielleicht am besten aus der Cyclopaedia Paracelsica 
Ohristiana vom Jahre 1585 ersehen!. Da soll der Knabe vor 
allem Deutsch lesen und schreiben lernen. Dann beginnt das 
Rechnen in Spezies, Regeldetri u. a. und nach ihm das Abfassen 
von Geschäftsschreiben, überhaupt deutscher Aufsatz für praktische 
Zwecke: bis das Meisterstück gemacht wird. Hierauf geht der 
Knabe, der inzwischen an den Feiertagen auch Lautenschlagen, 
Geigen, Harfen und Pfeifen gelernt hat, ins Welschland, um 
Ztalienisch zu lernen, wohl auch noch nach Frankreich und 
Kehrbach, Mitteilungen Bd. V S. 87 ff.
	        
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