Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Gesellschaft, neues Seelenleben. 301 
hoher Vollkommenheit seit etwa 1810 — neue Verordnungen 
über die Staatsprüfung der Lehrer, neue Lehrpläne —: und 
Befestigung des ganzen Systems durch den trefflichen Rat im 
Ministerium Altenstein, Johannes Schulze (1786— 1869). Es 
war eine so glückliche Entwicklung, daß sie Preußen auf längere 
Zeit den Vorrang im Mittelschulwesen der deutschen Staaten 
fast ohne Ausnahme gesichert hat. Indes haben auch die 
anderen deutschen Staaten, wenn auch etwas später, am 
spätesten schließlich Osterreich, denselben Weg der Durchbildung 
eingeschlagen, ein Umstand, der sehr zur Vereinheitlichung der 
deutschen Bildung des 19. Jahrhunderts beigetragen hat. 
Was aber in dem hier verfolgten Zusammenhange vor 
allem wichtig ist: mit dieser Regelung der intellektuell-moralisch⸗ 
ästhetischen und auch religiösen Erziehung eben der führenden 
ind geistig lebendigsten Kreise der Nation war ein erstes großes, 
bielleicht größtes Problem sittlicher Durchbildung des Sub— 
jektivismus gelöst. Und was hatte man nicht schon in den 
letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts für Folgen von einer 
solchen Lösung erwartet! Überzeugt war man allgemein, daß 
die wahrhafte Konstituierung der neuen, auf sittlichem, recht⸗ 
lichem, politischem Gebiete entstehenden Welt eben von der 
Durchbildung der Einzelpersonen, und das heißt eben von der 
Erziehung ausgehen müßte; von hier aus, in der Tätigkeit 
der dazu durch die neue Erziehung geschickt gemachten Personen, 
sah man Selbstverwaltung und neuen Staat erstehen. 
Und war es so unrichtig, den neuen sittlichen Kosmos 
auf diese Weise von unten her solid und organisch auf—⸗ 
zubauen? Der preußische Staat, der folgerichtigste politische 
Bau der deutschen Entwicklung des 19. Jahrhunderts, ist auf 
diese Weise, vom humanistischen Gymnasium her durch Mittel⸗ 
schulerziehung der Individuen und Selbstverwaltungserziehung 
der Körperschaften hindurch bis zur Verfassung des Gesamt— 
staates vom Jahre 1851, durchgebildet worden: langsam, nicht 
ohne Stockungen und Mißgriffe im einzelnen: aber noch heute 
stehen die Grundvesten seiner Struktur unerschüttert, ja un— 
berührt.
	        
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