Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 25
Ausdruck des ganzen Zeitalters. Und eben in dem Punkte
der religiösen Freiheit des einzelnen, dem höchst und letzthin
entscheidenden, werden schon früh die ganzen Folgerungen des
neuen Seelenlebens gezogen. Jeder sein Pfadfinder zum freien
Himmel, jeder Bildner seiner Weltanschauung, jeder wahrhaft
und wirklich sein Priester und darum vollste Gewissensfreiheit:
das wird der Kriegsruf. So konnte schon Mendelssohn es an
der Schwelle des neuen Zeitalters für nötig erachten, die Frage
des Selbstmordes nach dreifacher Adresse hin zu erörtern: für
die Offenbarungsgläubigen, für die ungläubigen Leugner der
Unsterblichkeit und für die Anhänger der natürlichen Religion.
Und zu der Zeit, da in Frankreich der Religion durch Dekret
und in Deutschland dem Christentum auf Grund philosophisch—
literarischer Erörterungen die Abschaffung drohte, konnte
Friedrich August Wolf die Worte sprechen: „Glückselig sind wir
Philosophen, daß uns weder Götter noch Menschen hindern,
in den Tag zu leben, d. h. frei und ungebunden nach allseitiger
Erwägung so oder anders uns zu entscheiden.“
Neben die Freiheit des Intellekts aber trat nicht minder
grundsätzlich die Freiheit des Trieb- und Willenslebens wie
die Freiheit phantasievollen Schaffens. Mit dem Zurückgehen
des Subjekts nur auf sich selbst schien die Moral eine dieser
Isolierung entsprechende Gestalt erhalten zu müssen; der
Egoismus begann zu herrschen, und Wirtschaftstheorien ent—
standen, denen wirtschaftliche und soziale Entwicklung un—
wandelbar bestimmt und darum auch regulierbar erschien durch
die Triebfeder des Eigennutzes. Auf dem Gebiete der Kunst
aber fielen allmählich die alten kanonischen Regeln der christ—
lichen Malerei, die Ikonographie verlor ihre alte Bedeutung,
die Alleinherrschaft eines allgemeinen Stiles schien zum Unter—
gange bestimmt; und persönlicher Stil und freie Wahl der
Art phantasievoller Wiedergabe auf jeglichem Felde der Kunst
wurde Ziel höchsten Strebens.
So schien denn das Individuum nur auf sich selbst ge—
stellt; und schon in den siebziger und achtziger Jahren des
18. Jahrhunderts versuchte M. J. Schmidt in seiner Geschichte