Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Der Charakter des subjektivistischen Feitalters. 27 
Mannigfaltigkeit für neue, höhere Daseinsformen zu nützen. 
Was verlangt von diesem Standpunkte aus nicht schon Goethe 
für die Entstehung eines Kunstwerkes: Abgründe der Ahndung, 
ein ficheres Anschauen der Gegenwart, mathematische Tiefe, 
physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft, Schärfe des Ver— 
standes, bewegliche sehnsuchtsvolle Phantasie, liebevolle Freude 
am Sinnlichen: nichts von alledem kann nach ihm entbehrt 
werden. Besondere Schwierigkeiten und Probleme aber tauchten 
in diesem Zusammenhange für die Pädagogik, das Wort im 
weitesten Sinne der Menschenerziehung genommen, auf. Das 
Entscheidende war dabei, daß im subjektivistischen Menschen 
mehr wie früher an sich unvereinbare Eigenschaften in derselben 
Person nebeneinander stehen und als solche erkannt wurden. 
So zeigte sich z. B. das Sinnliche, gleichsam ein fest ab— 
getrennter, aber wohlbekannter Bestandteil besonderer, niedri— 
gerer seelischer Aktualität, bei mancher sonst hochstehenden 
Persönlichkeit als schwer geschädigt, namentlich nach der sexuellen 
Seite hin: ja es konnte sich in weiten Kreisen die Meinung 
bilden, Unsittlichkeit auf diesem Gebiete schädige nicht. So 
gab es und gibt es ferner Persönlichkeiten, bei denen die 
Verstandessphäre alles zu überwuchern schien, so andere, bei 
denen ein früher kaum erhörtes Übergewicht der Gemütssphäre 
hervortrat. Das Endergebnis dieser außerordentlichen Differen⸗ 
zierung war dann, daß mit der Empfindung auch das Urteil 
so abschattiert wurde, daß nicht bloß Gemütszustände, sondern 
auch Wahrheiten subjektiv und schwankend erschienen; und 
eine auf so besonderem Boden aufgebaute Einseitigkeit, ja 
Bizarrerie des Charakters mußte als moderne Erscheinung 
gelten. Kein Charakter aber konnte unter diesen Umständen 
mehr als ganz gut oder als ganz böse betrachtet werden; und 
jedermann erschien als ein Mikrokosmos zu grundsätzlich eigenem 
Rechte. Diese Weite und Intensität der Entwicklung zugleich 
gestattete nun auch die Vorstellung von der Möglichkeit, an 
sich schlechte Eigenschaften in gute umzubiegen, so wie sich hohe 
Kulturen die stärksten Gifte zunutze zu machen wissen. Damit 
wurde denn das Menschlichkeitsgefühl ein anderes: und der
	        
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