30
Einleitung.
nimmt. In diesem Sinne hat sich schon Goethe geäußert; in
späterer Zeit vertritt z. B. Hebbel den idealistischen Stand⸗
punkt: „Als die Aufgabe meines Lebens betrachte ich die
Symbolisierung meines Innern, soweit es sich in bedeutenden
Momenten fixiert, durch Schrift und Wort.“ Den natura—
listischen aber mag, aus gleicher Zeit etwa mit Hebbel, Herwegh
zum Ausdrucke bringen:
Laß steigen Schmerz und Wonne,
Laß steigen Leid und Lust,
Wie aus dem Meer die Sonne
Empor aus deiner Brust.
Natüurlich aber wird durch diese intensive Selbstbeobachtung
nun auch der Inhalt der Phantasietätigkeit reicher; eine große
Anzahl von Gefühlen und Empfindungen, die früheren Zeit⸗
altern unbewußt blieben, treten jetzt ins Bewußtsein; und der
seelische Reichtum des neuen Lebens wird zarter schattiert, wie
seine Träger zugleich mehr als die früherer Zeitalter von
Gefühlen und Empfindungen, kurz elementaren psychischen
Vorgängen abhängig erscheinen. Darauf beruht die Vorliebe
des neuen Zeitalters für die Musik als die spezifische Kunst
der Stimmungswiedergabe, sowie für die Malerei, die ihre
Schöpfungen ebenfalls zusehends mehr in das Stimmungsvolle
einsenkt; wie denn in jüngster Zeit auch die Schwarz⸗Weiß⸗
Künste, ja sogar die Plastik desselben Weges gezogen sind.
Und ist in diesem Zusammenhange nicht auch am ehesten
das Naturgefühl der modernen Zeiten verständlich? Ist nicht
auch hier die phantasievolle Beobachtung der Außenwelt der
Erscheinungen ähnlich wie die des menschlichen Innern mit
Gefühlen und Stimmungen verwebt; erscheint uns nicht an
erster Stelle die Natur als Objekt unserer Beseelung?
Gewiß ging der Anfang des modernen Naturgefühls um
1750 vor allem von der Reaktion gegen die seelisch ver—
knöchernde Abwendung von der Natur aus, wie sie gegen
Schluß des individualistischen Zeitalters herrschte. Und in⸗
dem die Verfeinerung des modernen Seelenlebens zu jener
uns schon bekannten Zerspaltung der Individuen führte, die