Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 31 
ohne eine gewisse gekünstelte Form der Lebensführung kaum 
denkbar ist, ist von diesen Reaktionsgefühlen durch das ganze 
Zeitalter des Subjektivismus hindurch bis zur Gegenwart 
immer etwas, ja sogar viel erhalten geblieben. Aber daneben 
führte doch vor allem die innerste Seelenanlage der neuen 
Zeit zur Beseelung der Natur. Wer sich so selbständig als 
Mensch fühlte und so empfindungsfähig zugleich, der sollte 
nicht den Überfluß seines psychischen Daseins in geistiger 
Herrschbegier über diese Welt der Erscheinungen haben hin— 
strömen lassen? Schon Herder lebte in diesen Gefühlen. „Das 
Fiberngebäude des Menschen ist so elastisch fein und zart und 
sein Nervengebäude so verschlungen in alle Teile seines 
vibrierenden Wesens, daß er als ein Analogon der alles durch⸗ 
fühlenden Gottheit sich beinahe in jedes Geschöpf setzen und 
gerade in dem Maße mit ihm empfinden kann, als das Ge— 
schöpf es bedarf und sein Ganzes es ohne eigene Zerrüttung, 
ja selbst mit Gefahr derselben leidet.“ 
Sehr natürlich aber, daß diese Art aktuellen Naturgefühls 
sich vor allem der unorganischen, gleichsam passiven Natur zu— 
wandte. Und so trat das Landschaftsgefühl an die erste Stelle. 
Dabei knüpfte man zunächst an das Landschaftsgefühl des 
Individualismus an, das flache Gegenden und, als höchsten 
Ausfluß seines Wesens, regulierte Parkanlagen geliebt hatte. 
Und welche Wandlungen führte hier alsbald, schon seit etwa 
1760, das neue Gefühl herbei! Die steife Symmetrie der 
Kunstlandschaft wich fein berechneter Regellosigkeit; an Stelle 
ebener Flächen mit gradlinigen Wegen trat wechselndes Terrain 
mit bunt verschlungenen Pfaden, an Stelle abgezirkelter Teiche 
mit uniformen Springbrunnen ein frischer Wasserlauf mit dem 
Rausch- und Gurgeltone kleiner und großer Kaskaden; die 
verschnittenen Hecken und Baumreihen verwandelten sich in 
malerisch freie Baumgruppen mit wechselnder Farbe des Laubes; 
verschnörkelte Blumenbeete wurden durch saftige Rasenplätze 
ersetzt, und das ganze Heer der kleinen Pavillons, der künst— 
lichen Ruinen, der Vexierhäuschen und der Glorietten ver— 
schwand vor Bänken an Stellen weiter Aussicht und lauschigem
	        
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