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Einleitung.
Waldplatz. Zugleich aber schwärmte man hinaus über Park
und Ebene; das Behagen an der großen freien Natur und
ihren elementar⸗einfachen Zügen wuchs von Jahrzehnt zu Jahr⸗
zehnt und die unendlich wechselvolle Schönheit des deutschen
Mittelgebirges wurde entdeckt; was ist in diesem Zusammen⸗
hange Thüringen den Heroen unserer Dichtung, vor allem
Goethe gewesen! Und schon hatte man weiter gegriffen. Noch
im Jahre 1775 konnte Goethe keinen Geschmack finden an den
„wilden Felsen, Nebelseen und Drachennestern“ des Alpen—
landes. Aber bereits ein Menschenalter zuvor hatte Haller, ein
Sohn des Landes, die Schönheiten der Schweiz besungen.
Und wenn Goethe im Jahre 1779 die Größe der Alpen auf⸗
ging, wenn gegen Ende des Jahrhunderts sein zunächst senti—
mentales Interesse für sie in eine mehr objektive, aber darum
nur noch um so mehr unmittelbare Anschauung umschlug, so
bezeichnete dieser persönliche Entwicklungsgang im allgemeinen
die Entfaltung des modernen Naturgefühls überhaupt. Hatte
die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts die Schönheit der
freien Natur in ihren besonders harmonischen Gliederungen
durch enthusiastisches Versinken in sie, das doch zugleich ein
Beherrschen bedeutete, gefunden, so zog mit der Romantik der
Sinn für das Unsymmetrische der Naturerscheinungen senti⸗
mental herauf: bis der Realismus schon der dreißiger Jahre des
19. Jahrhunderts, vor allem aber des modernen Großstadt⸗
lebens jenen beinahe wissenschaftlich indifferenten Sinn für jeg⸗
liche Schönheit der Natur erstehen ließ, der alles genießt, indem
er sich, ungewohnt selbst des einfachsten Glanzes einer einsamen
Natur, in allem zu finden weiß.
In der Entwicklung des Naturgefühls aber erscheint zugleich
eine der elementarsten Seiten der modernen Psyche überhaupt
zunächst nach einer bestimmten Richtung hin entfaltet, die im
Grunde für alle Arten seiner Außerung charakteristisch ist: das
Bedürfnis, der Umwelt etwas zu sein, sich in sie hinein zu er—
ziehen, sie zu erfüllen, zu beherrschen. Welch Unterschied der
Auffassung gegenüber dem in sich abgeschlossenen, in sich zurück—
gezogenen Individuum des vorhergehenden Zeitalters, wenn