Der Charakter des subjektivistischen Feitalters. 33
schon Goethe seinem Prometheus auf die Frage: „Wie vieles
ist denn dein?“ die stolze Antwort in den Mund legt:
Der Kreis, den meine Tätigkeit erfüllt, —
Nichts drunter und nichts drüber.
Einem der trefflichsten Sänger aber der angehenden zweiten
Periode des Subjektivismus, Gottfried Keller, erscheint der
Mensch des 19. Jahrhunderts
geschaffen, durch das All zu schweifen
Mit hellem Mute und gestählten Sinnen,
Zu wünschen, wo des Lebens Quellen rinnen,
Und forschend jeden Abgrund zu durchstreifen.
Dies eben ist es: Erkenntnis der Welt und Beherrschung der
Welt im weitesten noch eben möglichen Umkreise: das schlummert
im letzten Grunde jeder Seele des neuen Zeitalters tief ein—
gebettet bis zu dem Grade, daß dem naiven Sohne dieser Zeit
die Annahme eines gleichen Grundgefühls für alle Zeiten und
Ereignisse menschheitlicher Entwicklung als selbstverständlich er—
scheint, ja, daß er selbst Dichtung und Kunst voll nur glaubt
genießen zu können, wenn fie die Eigenschaft besitzen, seine
schöpferische Selbstaneignung aufs stärkste, auf Kosten seiner
Nervenkraft und sogar seiner Lebenszeit, hervorzurufen.
„Der vornehmste Gegenstand dieses Überströmens und
Übergreifens der modernen Persönlichkeit auf die Umwelt aber
war von Anbeginn der Mensch. Wie oft ist doch im 18. Jahr—
hundert Popes Wort „The proper study of mankind is man“
auch in Deutschland wiederholt worden!“ Wie strebte man dem—
gemäß seit 1750, sich gegenseitig näher zu kommen, wie galt für
diese Zeit und alle folgenden Menschenalter Lessings freundliche
Mahnung an seine Frau: „Bedenken Sie fein, daß der Mensch
nicht bloß von geraͤuchertem Fleische und Spargel, sondern,
was mehr ist, von einem freundlichen Gespräche, mündlich oder
schriftlich, lebet!“ Es find die Zeiten, da die enthusiaftischen
Freundschaftsbünde der Empfindsamkeit und des Sturmes und
Dranges geschlossen werden, denen eine Periode so enger Gemein—
schaften wie die Goethes und Schillers folgt: und weitgehende
und wohlverstandene Interessengemeinschaften auch sehr ver—
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. 1. 2