Einleitung.
Bindung des Willens, geschweige denn eine neue Selbst—
orientierung der Triebe bedarf, vor allem bei hoher Kultur,
des Intellektes als voranschreitenden Pfadfinders hinein in das
Dickicht urwüchsiger Erscheinungen einer neuen Zeit: was nicht
ausschließt, daß der Verstand sich zunächst in enthusiastischen, ja
dithyrambischen Formen äußert.
Bei dem Übergange von den letzten Zeiten des individua—
listischen Zeitalters zu den Anfängen des subjektivistischen frei⸗
lich trat dies nicht ein. Indem die alte Kultur vornehmlich
rational gewendet war, bestand, unter der Fortdauer gewisser
alter Tendenzen, die besondere Möglichkeit, den Inhalt der
veränderten inneren Erfahrung alsbald in klare begriffliche
Formen zu gießen. Es ist die Entwicklung, aus welcher her
die besondere geschichtliche Stellung Kants begreiflich wird.
Mußte bei dem ungeheuren Andrange neuer Reize und Vor—
stellungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wie er
den Übergang zu dem neuen Kulturzeitalter hervorrief und von
diesem Übergange wiederum wirksam hervorgerufen wurde, die
geistige Durchdringung dieser Erfahrungen alsbald durch müh—
same Abstraktionen eines Verstandes erfolgen, der eben in
dieser Arbeit eine höhere Ausbildung seiner Entwicklung er—⸗
hielt; führte weiterhin die Durchbildung des absolutistischen
Staates zu einem Frieden der Untertanen untereinander, in
dessen Bereich die nackte Vergewaltigung eines überschäumenden
Wettbewerbs der Einzelpersonen durch gesellschaftliche List,
diesen Krebsschaden des Subjektivismus, ersetzt werden mußte,
was eine außerordentliche Fortbildung des praktischen Ver—
standes veranlaßte, wie sie auch sonst durch wirtschaftliche Fort⸗
schritte eingeleitet ward; erwuchs aus diesen und anderen
Gründen eine höhere Verstandestätigkeit, die Goethe den Kausal—
begriff schon als den „angeborensten und notwendigsten“ des
Menschen bezeichnen ließ und Lichtenberg zur Benennung des⸗
selben Menschen als eines „rastlosen Ursachentieres“ führte:
so ist es Kant gewesen, der die Erkenntnistheorie dieses neuen
Verstandes in früher Vollendung geschaffen hat.
Kants Kritik der reinen Vernunft läuft auf eine Wert—