Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 43 
Wahrnehmung und Vorstellung wäre; und alles Verhältnis 
von Wahrnehmung und Vorstellung zur Wirklichkeit ist daher 
immer wieder nur ein Verhältnis von Wahrnehmung und 
Vorstellung zu Wahrnehmung und Vorstellung, so daß die 
sinnliche Welt für uns in Wahrheit in einem Relationssysteme 
von Wahrnehmungen und Vorstellungen besteht. Aber dieses 
System ist nicht starr und von fester Gebundenheit. Wenn 
die Beobachtung des modernen Seelenlebens einen Satz mit 
höchster Sicherheit festgestellt hat, so ist es der, daß unsere 
Vorstellungen nicht als etwas fertig Vorhandenes, in unser 
Bewußtsein Eintretendes und aus ihm wieder Verschwindendes 
angesehen werden können: in stetiger Kombination vielmehr 
des Werdens und Vergehens bilden sie sich als vorübergehende 
Resultanten, erzeugen sie sich neu gleich den tausendfarbigen 
Widerscheinen der fallenden Kaskade, sind sie wechselvollstes 
Geschehen, sind sie Werden und Vergehen zugleich. Und so 
ist ihr Sein Entwicklung, und die Welt verwandelt sich aus 
einem Schauplatze des Lebens in das Leben selbst. 
Das Leben daher und die Entwicklung als die Form des 
Lebens werden jetzt nun zu den eigentlichen großen Problemen der 
subjektivistischen Wissenschaft; und durch tausend Schattierungen 
hindurch, von sehr einfachen Vorstellungen im Anfang beginnend, 
bis hinauf zu den verwickelten Ansichten der Natur- und Geistes— 
wissenschaften der Gegenwart, sind die hierher gehörenden 
Probleme fortgebildet worden bis auf den heutigen Tag. 
Selbstbewußtsein aber und Weltbewußtsein sind Korrelate, 
und so begreift sich, daß als Objekt dieses evolutionistischen 
Denkens alsbald eine Welt erschien, die nach Zeit und Raum 
der Unersättlichkeit subiektivistischer Persönlichkeit zu entsprechen 
hatte: 
„Und wie der Pilger, flüchtend vor Welt und Schicksalswucht 
Heil'ge Wanderstätten wallfahrend fromm besucht, 
So nachts in alle Weiten zieht meines Sehnens Traum: 
Zeiten- und Völkerformen find meiner Andacht Tempelraum.“ 
(R. Hamerling.) 
So ward vor allem der irdische Kosmos in jeder Hinsicht 
dem Denken, der Forschung, dem menschlichen Besuche er—
	        
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