Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 43
Wahrnehmung und Vorstellung wäre; und alles Verhältnis
von Wahrnehmung und Vorstellung zur Wirklichkeit ist daher
immer wieder nur ein Verhältnis von Wahrnehmung und
Vorstellung zu Wahrnehmung und Vorstellung, so daß die
sinnliche Welt für uns in Wahrheit in einem Relationssysteme
von Wahrnehmungen und Vorstellungen besteht. Aber dieses
System ist nicht starr und von fester Gebundenheit. Wenn
die Beobachtung des modernen Seelenlebens einen Satz mit
höchster Sicherheit festgestellt hat, so ist es der, daß unsere
Vorstellungen nicht als etwas fertig Vorhandenes, in unser
Bewußtsein Eintretendes und aus ihm wieder Verschwindendes
angesehen werden können: in stetiger Kombination vielmehr
des Werdens und Vergehens bilden sie sich als vorübergehende
Resultanten, erzeugen sie sich neu gleich den tausendfarbigen
Widerscheinen der fallenden Kaskade, sind sie wechselvollstes
Geschehen, sind sie Werden und Vergehen zugleich. Und so
ist ihr Sein Entwicklung, und die Welt verwandelt sich aus
einem Schauplatze des Lebens in das Leben selbst.
Das Leben daher und die Entwicklung als die Form des
Lebens werden jetzt nun zu den eigentlichen großen Problemen der
subjektivistischen Wissenschaft; und durch tausend Schattierungen
hindurch, von sehr einfachen Vorstellungen im Anfang beginnend,
bis hinauf zu den verwickelten Ansichten der Natur- und Geistes—
wissenschaften der Gegenwart, sind die hierher gehörenden
Probleme fortgebildet worden bis auf den heutigen Tag.
Selbstbewußtsein aber und Weltbewußtsein sind Korrelate,
und so begreift sich, daß als Objekt dieses evolutionistischen
Denkens alsbald eine Welt erschien, die nach Zeit und Raum
der Unersättlichkeit subiektivistischer Persönlichkeit zu entsprechen
hatte:
„Und wie der Pilger, flüchtend vor Welt und Schicksalswucht
Heil'ge Wanderstätten wallfahrend fromm besucht,
So nachts in alle Weiten zieht meines Sehnens Traum:
Zeiten- und Völkerformen find meiner Andacht Tempelraum.“
(R. Hamerling.)
So ward vor allem der irdische Kosmos in jeder Hinsicht
dem Denken, der Forschung, dem menschlichen Besuche er—