Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Einleitung. 
schlossen, und schon Herder rief triumphierend aus: „Unsere 
Erde ist nicht mehr auf ewige Pfeiler gegründet; der mensch⸗ 
liche Geist hat getan, was Hiob ihm nicht zutraute: über die 
Erde von Pol zu Pol die Meßschnur gezogen; sie wie in der 
Faust gewogen; er hat den Lichtstrahl geteilt; er schickt Blitze 
aus, und sie gehen und sagen: hier sind wir!“ Dabei trat 
der Eroberung des Erdenraumes wie seinem Ergebnisse, einem 
terrestrischen Universalismus, die Eroberung der Erdenzeit und 
damit ein bis in tiefste geologische Perioden hinein erstreckter 
Historismus zur Seite. Es war einer der merkwürdigsten Unter⸗ 
schiede gegen die ablaufende Zeit eines geschichtslosen Rationalis— 
mus, und so lag es nahe, daß seine Entwicklung zunächst im Sinne 
starker Reaktion gegen diese verlief. Dazu kam der Instinkt, daß 
eine neue Zeit angebrochen sei; eben er ließ die verflossene als— 
bald geschichtlich begreifen. Noch stärker wirkte dann die Tatsache 
der sich in Staat und Gesellschaft weit auswirkenden Individuen: 
erschienen diese in der Gegenwart ihrer Tätigkeit nach in alle 
Breiten verzweigt, so mußten sie auch tief in die Vergangenheit 
reichen: und so brachen Jahrzehnte historischer Erforschung des 
Staats- und Verfassungslebens herein. Am tiefsten aber entfaltete 
sich historischer Sinn doch da, wo der Entwicklungsgedanke aus 
ihm unmittelbar hervorleuchtete. Es war zuerst in den Natur⸗ 
wissenschaften der Fall; auf biologische Anfänge folgte die 
Entwicklungslehre Darwins, die paläontologisch und geologisch 
gestützt wurde, und neuere Zeiten haben deren Kritik und 
Weiterbau erlebt: bis auch in den Geisteswissenschaften das 
Zeitalter rein entwicklungsgeschichtlicher Forschung mit der 
modernen Kulturgeschichte hereinbrach. 
Diese Anfänge und Übergänge aber waren ohne die 
Folge einer völlig neuen Orientierung der menschlichen Seele 
im allgemeinsten Kosmos der Erscheinungen auf die Dauer 
nicht denkbar: neue Systeme metaphysischen Deutens und An⸗ 
schauens, neue Frömmigkeitsgefühle, neue Ansichten der be⸗ 
stehenden Religion mußten hervortreten. So wurde schon der 
Begriff der Menschheit aufs weiteste ausgedehnt; zunächst in 
dem Idealismus des 18. Jahrhunderts, für dessen Anschauung
	        
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