Einleitung.
schlossen, und schon Herder rief triumphierend aus: „Unsere
Erde ist nicht mehr auf ewige Pfeiler gegründet; der mensch⸗
liche Geist hat getan, was Hiob ihm nicht zutraute: über die
Erde von Pol zu Pol die Meßschnur gezogen; sie wie in der
Faust gewogen; er hat den Lichtstrahl geteilt; er schickt Blitze
aus, und sie gehen und sagen: hier sind wir!“ Dabei trat
der Eroberung des Erdenraumes wie seinem Ergebnisse, einem
terrestrischen Universalismus, die Eroberung der Erdenzeit und
damit ein bis in tiefste geologische Perioden hinein erstreckter
Historismus zur Seite. Es war einer der merkwürdigsten Unter⸗
schiede gegen die ablaufende Zeit eines geschichtslosen Rationalis—
mus, und so lag es nahe, daß seine Entwicklung zunächst im Sinne
starker Reaktion gegen diese verlief. Dazu kam der Instinkt, daß
eine neue Zeit angebrochen sei; eben er ließ die verflossene als—
bald geschichtlich begreifen. Noch stärker wirkte dann die Tatsache
der sich in Staat und Gesellschaft weit auswirkenden Individuen:
erschienen diese in der Gegenwart ihrer Tätigkeit nach in alle
Breiten verzweigt, so mußten sie auch tief in die Vergangenheit
reichen: und so brachen Jahrzehnte historischer Erforschung des
Staats- und Verfassungslebens herein. Am tiefsten aber entfaltete
sich historischer Sinn doch da, wo der Entwicklungsgedanke aus
ihm unmittelbar hervorleuchtete. Es war zuerst in den Natur⸗
wissenschaften der Fall; auf biologische Anfänge folgte die
Entwicklungslehre Darwins, die paläontologisch und geologisch
gestützt wurde, und neuere Zeiten haben deren Kritik und
Weiterbau erlebt: bis auch in den Geisteswissenschaften das
Zeitalter rein entwicklungsgeschichtlicher Forschung mit der
modernen Kulturgeschichte hereinbrach.
Diese Anfänge und Übergänge aber waren ohne die
Folge einer völlig neuen Orientierung der menschlichen Seele
im allgemeinsten Kosmos der Erscheinungen auf die Dauer
nicht denkbar: neue Systeme metaphysischen Deutens und An⸗
schauens, neue Frömmigkeitsgefühle, neue Ansichten der be⸗
stehenden Religion mußten hervortreten. So wurde schon der
Begriff der Menschheit aufs weiteste ausgedehnt; zunächst in
dem Idealismus des 18. Jahrhunderts, für dessen Anschauung