Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 45
sanfte Gefühle der Humanität auch schon die Naturvölker
durchleuchteten; konkreter dann in der wissenschaftlichen Er—
forschung und praktischen Verbindung der Völker des Erdballs,
wie sie das 19. Jahrhundert bis zur Verwirklichung erster
Anfänge der Weltpolitik gebracht hat. Und daneben erschien nun
zugleich das Universum als unendlich; das Widerstreben, die
Kopernikanische Lehre anzuerkennen und vor allem ihre Folge—
rungen völlig zu ziehen, das noch das ausgehende individua—
listische Zeitalter gekennzeichnet hatte, verging in nichts, und
gleichsam raum- und zeitlose Anschauungen des Universums
gewannen unter voller Einführung des Entwicklungsgedankens
selbst für die Weltkörper den Sieg, von der Kant-Laplaceschen
Hypothese bis zu den jüngsten spektralanalytischen Vermutungen
der Gegenwart.
Indem aber der erhabene Gedanke eines ewigen Fort—
ganges gleichsam der Schöpfung durch fortdauernde Bildung
selbst neuer Welten in unendlichen Fernen des Raumes ge—
faßt wurde, weiteten und festigten sich auch die Ansichten vom
Werte und von der Bedeutung der Persönlichkeit. Da fragte
schon Kant am Schlusse seines astronomischen Werkes, ob denn
die unsterbliche Seele wohl in der ganzen Unendlichkeit ihrer
künftigen Dauer, die das Grab selbst nicht unterbricht, sondern
nur verändert, an diesen einen Punkt des Weltraumes, an
unsere Erde, jederzeit geheftet sein solle? Und während hier
frommer Sinn an der Unsterblichkeit der Seele festhielt, kam
der entgegengesetzte realistische Sinn eines Gottfried Keller zu
einem zwar völlig anderen, aber für die Anschauung der
neuen subjektivistischen Persönlichkeit nicht minder bezeichnenden
Schlusse: „Die Welt ist mir unendlich schöner und tiefer ge—
worden, das Leben ist wertvoller und intensiver, der Tod
ernster, bedenklicher und fordert mich nun erst mit aller Macht
auf, meine Aufgabe zu erfüllen und mein Bewußtsein zu
reinigen und zu befriedigen, da ich keine Aussicht habe, das
Versäumte in irgendeinem Winkel der Welt nachzuholen.“ In
beiden Fällen aber war das Ergebnis das gleiche: eine Vertiefung
der Bedeutung der Persönlichkeit, eine stolz-bescheidene Haltung