Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Einleitung. 
menschlicher Subjektivität, die bei aller unübersteiglichen Be— 
grenzung ihres Wesens von der oft halb unbewußten An— 
schauung durchdrungen ist, daß sie in menschlichen Schranken 
freier Herr sei aller Dinge. 
Es ist die Zentralvorstellung, von der alle Metaphysik 
und alle Frömmigkeit, alle Ethik und alle Asthetik, alle 
Phantasie- und alle Willenstätigkeit des subjektivistischen Zeit— 
alters getragen ist. 
Das Erscheinungsjahr der Kritik der reinen Vernunft 
(1781) war das Todesjahr Lessings, das Jahr, in dem Schillers 
Räuber gedruckt wurden, das Jahr der Toleranzedikte Josephs II. 
und im Grunde auch das Geburtsjahr der subjektivistischen 
Metaphysik. Denn indem Kant sich von den Objekten der 
Philosophie wegwandte zu dem erkennenden Subjekt und dessen 
Erforschung in den Mittelpunkt seiner philosophischen Tätigkeit 
stellte, wies er der Metaphysik die Stellung an, die sie seitdem be— 
halten hat: die Stellung einer von der menschlichen Erkenntnis— 
theorie und damit der Methodologie der Wissenschaften abhängigen 
Funktion. Entscheidend aber für die Durchbildung dieser Funktion 
war doch wieder der spezifische, soeben festgestellte subjektivistische 
Charakter der Persönlichkeit. Indem für diese die Vorstellung 
eines ständigen Werdens die eines bloßen Seins früherer Zeiten 
abgelöst hatte, indem die moderne Persönlichkeit damit sozu— 
— 
von neuem als wirklich erzeugen mußte, mußte sie auch meta— 
physisch mit höchster Kraft und Selbständigkeit ausgestattet 
werden, sollte sie, in ihrem Wirklichkeitsbewußtsein nur auf 
ein Geschehen angewiesen, das sich im letzten Grunde allein 
in ihr ereignete, nicht schwächlich straucheln. 
Kant war der erste, der eine diesen Forderungen ent— 
sprechende Metaphysik geschaffen hat. Ihm stand über der 
Welt der Erscheinungen, die wir durch unsere Verstandeskräfte 
kennen lernen, und der wir durch den Charakter der Funktionen 
dieser die Gesetze geben, welche sie uns verständlich machen, 
eine andere Welt: die Welt der selbstherrschenden Vernunft, 
der Ideen. Es ist eine, an sich betrachtet, ideologische Welt:
	        
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