Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Der Charakter des fubjektivistischen Feitalters. 49 
und christliche Offenbarungsreligion in dem neuen Zeitalter 
entwickeln mußten. Sie konnten zunächst ihre engverwandte 
und beherrschende Stellung zur Ethik vielfach beibehalten. 
Denn da deren Inhalte nicht zum letzten Forderungen des Ge— 
mütes verdankt wurden, Forderungen, die auch im religiösen 
Leben, wenngleich zumeist unter anderem Gesichtswinkel, auf⸗ 
traten, so ergab sich, daß religiöse Vorstellungswelt und philo⸗ 
sophische Begriffswelt im Grunde vielfach nur verschiedene 
Mittel waren zur Erreichung des gleichen Zieles: zur Schaffung 
des sittlich-subjektiven Menschen. 
Freilich, eine einseitige Herrschaft der Offenbarungsreligion 
konnte der neue Subjeltivismus auf dem Gebiete der Willens⸗ 
tätigkeit ebensowenig zulassen wie auf dem der Weltanschauung. 
Vielmehr erscheinen beide durch die ganze Breite der beiden 
allgemeinen Entwicklungstendenzen, von denen oben die Rede 
war, grundfätzlich getrennt. Hieraus ergeben sich dann für 
Religion und Philosophie als Weltanschauung Folgen, die im 
Verlaufe des neuen Zeitalters immer umfangreicher und tiefer 
hervorgetreten sind. 
Die Metaphysik als philosophische Weltanschauung wird 
Ergänzung vor allem unseres Wissens, indem sie auf Grund 
der tatsächlichen wissenschaftlichen Bewältigung der Welt, die 
Grenzen dieser noch sehr unvollkommenen Bewältigung über—⸗ 
schreitend, den Weltzusammenhang auf dem Wege der Ver— 
mutung als Ganzes herzustellen sucht, und zwar als Konsequenz 
und Auswirkung irgendeines obersten Prinzipes, das den 
Zusammenhang der Erscheinungen zwar bedingt, aber sich nicht 
unmittelbar in ihm zu erkennen gibt. Die Religion dagegen 
wird vor allem Ergänzung des dem Diesseits zugewendeten 
Gemütslebens; und indem sie die Frage nach dem allgemeinen 
Werte des Lebens aufwirft, strebt sie nach dem subjektiv 
sicheren Bewußtsein eines höchsten Gutes, und nach Erkenntnis 
des Weltzusammenhanges höchstens insofern, als eine solche 
Erkenntnis den inneren Besitz des Glaubens an ein höchstes 
Gut zu sichern geeignet ist. Das höchste Gut aber erscheint 
ihr als etwas Jenseitiges, dem unser Gemut zuflüchtet, das 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. J.
	        
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