Der Charakter des fubjektivistischen Feitalters. 49
und christliche Offenbarungsreligion in dem neuen Zeitalter
entwickeln mußten. Sie konnten zunächst ihre engverwandte
und beherrschende Stellung zur Ethik vielfach beibehalten.
Denn da deren Inhalte nicht zum letzten Forderungen des Ge—
mütes verdankt wurden, Forderungen, die auch im religiösen
Leben, wenngleich zumeist unter anderem Gesichtswinkel, auf⸗
traten, so ergab sich, daß religiöse Vorstellungswelt und philo⸗
sophische Begriffswelt im Grunde vielfach nur verschiedene
Mittel waren zur Erreichung des gleichen Zieles: zur Schaffung
des sittlich-subjektiven Menschen.
Freilich, eine einseitige Herrschaft der Offenbarungsreligion
konnte der neue Subjeltivismus auf dem Gebiete der Willens⸗
tätigkeit ebensowenig zulassen wie auf dem der Weltanschauung.
Vielmehr erscheinen beide durch die ganze Breite der beiden
allgemeinen Entwicklungstendenzen, von denen oben die Rede
war, grundfätzlich getrennt. Hieraus ergeben sich dann für
Religion und Philosophie als Weltanschauung Folgen, die im
Verlaufe des neuen Zeitalters immer umfangreicher und tiefer
hervorgetreten sind.
Die Metaphysik als philosophische Weltanschauung wird
Ergänzung vor allem unseres Wissens, indem sie auf Grund
der tatsächlichen wissenschaftlichen Bewältigung der Welt, die
Grenzen dieser noch sehr unvollkommenen Bewältigung über—⸗
schreitend, den Weltzusammenhang auf dem Wege der Ver—
mutung als Ganzes herzustellen sucht, und zwar als Konsequenz
und Auswirkung irgendeines obersten Prinzipes, das den
Zusammenhang der Erscheinungen zwar bedingt, aber sich nicht
unmittelbar in ihm zu erkennen gibt. Die Religion dagegen
wird vor allem Ergänzung des dem Diesseits zugewendeten
Gemütslebens; und indem sie die Frage nach dem allgemeinen
Werte des Lebens aufwirft, strebt sie nach dem subjektiv
sicheren Bewußtsein eines höchsten Gutes, und nach Erkenntnis
des Weltzusammenhanges höchstens insofern, als eine solche
Erkenntnis den inneren Besitz des Glaubens an ein höchstes
Gut zu sichern geeignet ist. Das höchste Gut aber erscheint
ihr als etwas Jenseitiges, dem unser Gemut zuflüchtet, das
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VIII. J.