Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 53 
Dichtung antrifft. Aber die Dichtung des 19. Jahrhunderts, 
vor allem der späteren Jahrzehnte dieser Zeit, ging weiter. 
Durch Mittel, die vielfach den Wirkungsmitteln der Musik 
nachgebildet wurden oder ihnen wenigstens innerlich entsprachen, 
hat sie ihren Schöpfungen etwas Suggestives gegeben, etwas, 
das Substitutionsgefühle und Reaktionsgefühle des Hörers er— 
weckt, vermöge deren er das Objektive der Dichtung persönlich 
nachfühlt und in sich subiektiv poetische Wirkungen schöpferisch 
entwickelt. 
Vermochte nun die bildende Kunst auf ihrem Gebiete 
leicht in die Entfaltung analoger Wirkungen einzutreten? 
Längst nicht mit den Tiefen des Wortes, geschweige denn der 
abgründigen Einflußgewalt des Tones ausgestattet, konnte sie 
den ästhetischen Anforderungen des neuen Zeitalters erst nach 
den stärksten Anstrengungen auf technischem Gebiete gerecht 
werden; und im Grunde erst mit der Entwicklung der Freilicht⸗ 
malerei haben diese Bestrebungen zu einem vollen Ergebnis 
geführt: denn erst mit einer so hochstehenden Bewältigung des 
Lichtes als eines Elementes, das die feinsten seelischen Stim— 
mungen wiederzugeben ermöglicht, war ein volles Ausdrucks— 
mittel für die psychischen Aktualitäten des neuen Zeitalters 
gewonnen. Ehe man aber dies Mittel errungen hatte, ist die 
Malerei des Subjektivismus, jetzt noch mehr als bisher die 
führende der bildenden Künste, eigentlich in der Wiederholung 
früherer Entwicklungsstufen malerischen Könnens stecken ge— 
hlieben: von den Gotikern des 14. und 15. Jahrhunderts an 
bis auf Rubens und Rembrandt, ja Watteau und Boucher. 
Es war eine Vorbereitungszeit auf das Neue, die mehr als 
zwei Menschenalter gewährt hat und die in der Bildnerei, wie 
auch in der Baukunst, selbst heute noch nicht ganz überwunden ist: 
denn erst ganz neuerdings wurden vornehmlich durch energische 
Zusammenfassung und Erweiterung der Lichtwirkungen in der 
Plastik wie in der Architektur Mittel subjektivistischer Kunst— 
wirkung aufgesucht. 
Von alledem aber, wie von der Freilichtmalerei, war in 
den Anfängen des neuen Zeitalters noch nicht die Rede. Und
	        
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