Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 55
Dieser Demokratismus war in der frühesten Zeit vor
allem ein solcher der gesellschaftlichen Gesinnung. Als eines
seiner schönsten Denkmäler kann der bekannte Brief des Her—
zogs Friedrich Christian von Augustenburg und des Grafen
Schimmelmann an Schiller betrachtet werden: „Zwei Freunde,
durch Weltbürgersinn miteinander verbunden, erlassen dieses
Schreiben an Sie, edler Mann! Beide sind Ihnen unbekannt,
aber beide verehren und lieben Sie“ usw. Und der edle,
wenn es erlaubt ist zu sagen aristokratisch-demokratische Sinn,
der hier in dem Einzelakte eines Unterstützungsangebotes hervor⸗
tritt, war die Lebensluft, in der auch die Freundschaft Goethes
und Karl Augusts von Weimar gediehen ist; von ihm getragen,
hat der Herzog den Dichter seinen lieben alten Freund und
Waffenbruder in dieser stürmischen Welt genannt.
Natürlich wurde dieser demokratische Ton der Großen,
der fast die ganze spätere Zeit des 18. Jahrhunderts aus—
zeichnete, von den Niedrigerstehenden mit respektvoller Offenheit
erwidert; hier kann wiederum das Antwortschreiben Schillers
an seine Holsteiner Gönner als Musterbeispiel dienen, während
noch Gellert Fürsten gelegentlich in kriechender Unterworfenheit
genaht ist. Doch lag es in der Natur der Dinge, daß eben dieser
hochstehende, gleichsam fast abstrakte Demokratismus, wenn auf
die große und umfassende Wirklichkeit bezogen, in Radikalis⸗
mus entartete: und so wurde er namentlich, politisch gewandt,
leicht republikanisch. Aber anderseits konnte nur ein spielender
rRepublikanismus aus ihm hervorgehen. Aus diesem geistigen
Zusammenhange heraus haben die Grafen Stolberg in der
Göttinger Hainbundszeit Mord' den Tyrannen gepredigt, sind
epigrammatische Sätze Herders wie der folgende aus dem
Jahre 1779 zu verstehen, daß die kühnsten, göttlichsten Gedanken
des menschlichen Geistes, die schönsten und größten Werke in
Freistagten vollendet worden seien, — in dieser Atmosphäre
endlich spricht Posa in Schillers Carlos.
Später, nach den harten Schicksalsschlägen der Revolutions—
und Freiheitskriege, in einer Periode schon tatsächlicher Aus—
wirkung eines neuen Freiheitsbegriffes in nenen Staats—