Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Der Charakter des subjektivistischen Zeitalters. 57 
Geniekultus brach herein, dem gegenüber Richard Wagner, hätte 
er ihn noch erlebt, vielleicht ein grobes Epitheton wiederum 
nicht gespart haben würde. Zugleich fühlte man sich erdrückt 
von der Überlieferung der Jahrhunderte und den übergroßen 
Massen neuer Reize der Gegenwart, wie ein „Fossil“ und wie 
ein „Zermalmter“, und die Literatur begann „die Abhängigkeit 
des Menschen von Zeit und Umgebung, mit einem Worte: 
die völlige Unfreiheit des Menschen“ zum Mißfallen mancher 
Kreise zu erörtern. 
Diese Kreise erkannten nicht, daß es sich hier, wie in den 
Ergänzungsbänden der Deutschen Geschichte schon geschildert 
worden ist, um Übergangserscheinungen, die zu einer neuen, 
zweiten Periode des Subjektivismus hinüberführten, handelte — 
Erscheinungen, die, wie das heute schon unwiderleglich ist, in 
einer höheren Stufe der Entwicklung den Erscheinungen der 
Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges des 18. Jahr— 
hunderts entsprachen: — und so haben sie erleben müssen, 
daß, aus den eingeborensten Wesenszügen des Subjektivismus 
her, allem Emanzipationsdrange die wenn auch noch nicht 
pöllig ausgebildete Zeit eines neuen Demokratismus gefolgt 
ist, den man einstweilen als Sozial-Aristokratismus be— 
zeichnen mag. 
Nun versteht es sich, daß der Abwendung dieser öffentlich— 
sittlichen Grundstimmung des Subjektivismus konkretere Aus— 
prägungen auf dem Gebiete des Staatslebens und der poli— 
tischen Geschichte wie des Familienlebens und der Gesellschaft 
parallel gelaufen sein müssen. 
In letzterer Hinsicht ist namentlich die volle Umwandlung 
des Familienlebens im Sinne freiheitlicherer Entwicklung und 
die fortschreitende Emanzipation des Frauendaseins seit der 
Mitte etwa des 18. Jahrhunderts charakteristisch. Indes führt 
ihre Geschichte so tief in tausend Verzweigungen der psychischen 
Entwicklung überhaupt, daß sie an dieser Stelle nicht erzählt 
werden kann. 
Vgl. namentlich Bd. J, 44 ff.
	        
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