Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

38 
Einleitung. 
Gröber und leichter faßbar ist dagegen die Abwandlung 
der politischen Grundmaximen. 
Natürlich entsprach dem verschwommenen, rein geistig— 
gesellschaftlichen Demokratismus des 18. Jahrhunderts ein 
zrundsätzlicher Kosmopolitismus: ja eben in ihm hat er sich 
am sichtbarsten ausgewirkt. War die älteste Art der Nächsten⸗ 
liebe, jener früher gleichsam patriarchalischen Auswirkungsform 
des Demokratismus, an die Kreise des Geschlechtes und der 
Familie bis zu dem Grade gebunden gewesen, daß eben die 
Beschlechtsgenossen die „Nachbarn“ waren; hatte dann die 
mittelalterliche Kirche die Nächstenliebe als eine Form der 
Askese und der zumeist äußerlichen Charitas gepredigt, die 
man in den Schenkungen pro salute animae als vor allem 
dem eigenen Ich zugute kommend ansah: so gründete sich der 
praktische Kosmopolitismus des 18. Jahrhunderts auf die 
Humanität: auf den Gedanken der innerlichen Gleichheit und 
darum Einheit eines zu höchsten Zielen bestimmten Menschen— 
geschlechts. In dieser Begründung vor allem ist er enthusiastisch 
gehegt und gefeiert worden: 
Seid umschlungen, Millionen! 
Diesen Kuß der ganzen Welt! 
Brüder — überm Sternenzelt 
Muß ein lieber Vater wohnen. 
Man höre Schillers Verse in der triumphierenden Ekstase des 
bierten Satzes von Beethovens neunter Symphonie: und man 
vird sich lebendig umrauscht fühlen von dem Flügelschlage 
dieses lebensfrohesten aller Kosmopolitismen. 
Und es war ein Kosmopolitismus doch schließlich nicht 
ohne starken realen Hintergrund. In welch umfangreicher 
Stärke hatte doch schon ständiger geistiger Austausch zwischen 
den großen europäischen Nationen des Westens und der Mitte 
zum erstenmal ein immer internationaler werdendes Geistesleben 
gefördert! „Wir klagen über den engen Kreis der Ideen, 
die im Mittelalter Nation von Nation trennten; bei uns sind 
gottlob alle Nationalcharaktere ausgelöscht. Wir lieben uns 
alle, oder vielmehr keiner bedarf's, den anderen zu lieben; wir
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.