Der Charakter des subjektipistischen Zeitalters. 59
gehen miteinander um, sind einander völlig gleich, gesittet,
höflich, glückselig, haben zwar kein Vaterland, keine Unseren,
für die wir leben, aber sind Menschenfreunde und Weltbürger.“
Es sind übertreibende Worte Herders aus dem Jahre 1774;
doch konnte Goethe in den Greisenjahren seines Lebens mit
Recht von einer beginnenden Weltliteratur sprechen. Und auch
die politischen Faktoren fehlten nicht ganz. Nachdem sich das
Jahrhundert von 1650 bis 1750 in Handels- und Industrie⸗
kriegen erschöpft hatte, lernte man einsehen, daß es über all
dem Streit ein Höheres gebe: die Gemeinsamkeit aller wirt—
schaftlichen und sozialen Interessen. Und indem diese Er—
fahrung durch die Lehren des nationalökonomischen Subjekti—
vismus zunächst in England und Frankreich, dann auch in
Deutschland eine wenigstens den Frieden Europas fördernde
Gewähr erhielt, konnte man sich einem ruhigen internationalen
Fortschritte hingeben, der eigentlich erst mit der Freihandels⸗
ära von 1860 bis 1875 sein Ende erreichte.
Inzwischen war aber das eigentlich erst klassische Gemein—
gefühl des Subjektivismus der ersten Menschenalter des
19. Jahrhunderts erwachsen: der Nationalismus. Derselbe
Herder, der für einen unbedingten Kosmopolitismus schwärmte,
hatte sich doch schon mit Stolz der Taten der Ahnen gerühmt:
von den Germanen an bis herab auf die Tage Friedrichs des
Großen. Denn historischer Nationalstolz ist das eigentliche
Grundgefühl des Nationalismus; schon im Prolog zur Lex
dalica hat er sich in der Form des Stammesgefühls in berühmten
Worten ein Denkmal gesetzt. Dazu kam dann die Empfindung
der anschwellenden Kraft des neuen Seelenlebens: im Grunde
fühlte man sich in den Tagen der klassischen Dichtung und
der individualistischen Philosophie allen Völkern überlegen und
sprach das auch aus. Als dann aber der Fremdling von
Westen her eindrang, als die Jahre der Bedrängnis in den
Freiheitskämpfen ein erstes kriegerisches Heldentum der neuen
Welt zeitigten: da flammte der Nationalstolz auf in dem
herrlichsten seiner Brände, um in dieser Glut, wenn auch
gelegentlich unter Aschen glimmend, bis heute nicht zu erlöschen.