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Einleitung.
wie ist es schon von unzähligen solcher Handlungsmöglichkeiten
durch zahlreiche Generationen der Vergangenheit herab innerlich
erzogen worden zu einer Freiheit, die eben eine Freiheit der
Erziehung ist und darum innerliche Gebundenheit an ein persön⸗
liches wie ein soziales Gewissen voraussetzt.
Und so erhält man für jüngste und älteste Zeiten einen
merkwürdigen Entwicklungsgang der Freiheit und damit der
alle Willenstätigkeit regelnden Elemente: die Urzeit kennt bloß
eine Freiheit der Willkür für solche Individuen, die sich den
starken äußerlichen, wenn auch unbewußten Zwangseinrichtungen
jener Kultur entziehen; innerhalb dieser aber erscheint der
Wille unbewußt gebunden, da die Zahl der Ursachen und
Ursachenkombinationen, die ihn bestimmt, gering ist; — das
Zeitalter des Subjektivismus dagegen und verhältnismäßig
auch schon das des Individualismus kennt nur eine bewußte
Gebundenheit, dagegen eine äußerlich gewährleistete Freiheit
des Handelns, da die Zahl der Ursachen, die den Willen be—
stimmen, gewaltig gestiegen ist. In dem einen Zeitalter herrscht
Willkür neben engster äußerlicher Gebundenheit, in dem anderen
ein Wille, vor dem die Willkür schweigt, neben weitester äußer⸗
licher Freiheit des Handelns: die Freiheit des Handelns ist in
niederer Kultur real und unbedingt, in hoher Kultur dagegen
formal und bedingt: Abwesenheit von störendem Zwang in der
Ausübung innerlicher Erzogenheit.
Dabei versteht sich, daß durch die Feststellung dieses
Gegensatzes der Beantwortung der philosophisch-⸗metaphysischen
Frage nach Freiheit und Notwendigkeit nicht vorgegriffen wird.
Denn da im Bereiche historischer Forschung und Erzählung
niemals alle Determinanten eines Willensaktes aufgesucht und
geschildert werden können, so bleibt in diesem Bereiche, gleich⸗
viel welches die Ergebnisse für die einzelnen Kulturzeitalter
sein mögen, noch immer die Alternative der philosophischen
Lösung möglich: daß nämlich die Determinanten entweder
noch ein unauflösliches persönliches Element bergen, oder aber,
daß sie sämtlich einfachste außerpersönliche Ursachen sind.
Das eine aber ergibt sich ohne weiteres aus der so ver—