Das subjektivistische Zeitalter i. seinem VDerhältnis z. individualistischen. 71
schiedenartigen empirischen Ausbildung der Willenstätigkeit auf
hoher und niederer Kulturstufe: daß auch der Intellekt in
beiden sehr verschieden entwickelt sein muß. Denn sicher ist
der Satz richtig, daß der Mensch eine Freiheit genießt, deren
Charakter davon abhängt, bis zu welchem Grade er sich daran
gewöhnt hat, sich bei seinen Handlungen von der Überlegung
statt von unmittelbaren Eindrücken leiten zu lassen. Oder
sollte es gar der Intellekt sein, der von sich aus, aus eben
seiner Entwicklung her, vorwiegend die Entwicklung der Willens⸗
tätigkeit leitet? Man steht da vor einer Frage, die das Zeit⸗
alter des Subjektivismus zugunsten einer primären Stellung
des Willens zu entscheiden geneigt sein wird; die individua⸗
listischen Köpfe des 16. bis 18. Jahrhunderts dagegen würden
fie mit Bestimmtheit zugunsten des Intellekts beantwortet haben.
Bedenkt man nun aber, daß die Möglichkeit und Tat—
sächlichkeit der UÜberlegung sich mit der wachsenden Zahl der
Vorstellungen verstärkt, die ihrerseits wiederum von der Zu⸗
nahme der Reize abhängt, die der Seele zugeführt werden, so
versteht man, wie mit dem Emporschnellen der Reizmassen von
Qulturzeitalter zu Kulturzeitalter auch Gefühl und Empfindung
sich wandeln müssen: denn diese erscheinen um so freier, je
größer die Zahl der Vorstellungen ist, durch die sie nüanziert
werden. Daher steht denn der massiven Leidenschaftlichkeit
der Urzeit die äußerliche Ruhe und Abtönung der modernen
Empfindung gegenüber; das Gefühl erscheint jetzt gleichsam
vom Willen losgelöst, so namentlich auf ästhetischem Gebiete;
und wo dem Menschen der Urzeit gleichsam von Zeit zu Zeit
elektrische Funken unter lauten Detonationen entsprangen, da
phosphoresziert die Seele des subjektiven Menschen fast nur
noch von innen heraus, und Empfindsamkeit und Reizbar⸗
keit werden zu charakteristischen Bezeichnungen ihrer Gesamt—
verfassung in gewissen Momenten ihrer Entwicklung. —
Mit diesen wenigen Bemerkungen soll die Schilderung
des Gegensatzes zwischen frühester und jüngster Zeit deutscher
Geschichte keineswegs erschöpft sein. Das reiche Leben dieses
Gegensatzes läßt sich nicht in ein paar Formeln bannen: dem