Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 73 
die Kultur der Urzeit diesen Prozeß unbewußt: und dem— 
gemäß ist der Symbolismus für die Urzeit ein natürliches 
Denkmittel, während er für den Subiektivismus eine Form 
bewußter Mystik darstellt. 
Zwischen diesen beiden Welten steht nun die Form des 
mittelalterlichen Denkens. Dieses Denken vollzog noch nicht 
die subjektive Inkorporation der Welt in die menschliche Seele: 
das subjektiv Beobachtete galt ihm unbedingt noch als das 
auch objektiv Seiende. Aber es stand auch nicht mehr mit 
der unbewußten Naivität der Urzeit in der Welt; doch hatte 
es aus deren Identifikation von menschlichem und weltlichem 
Wesen noch die Vorstellung beibehalten, daß menschliche Zweck⸗ 
setzung von den Dingen nicht zu trennen sei; und so ver— 
harrte sein Denken und seine Wissenschaft noch unter streng 
anthropozentrisch⸗teleologischem Zeichen. 
Wie klar aber läßt sich gerade auf diesem Gebiete auch 
wiederum die Stellung des individualistischen Zeitalters zu 
Mittelalter und Subjektivismus darlegen: sehr natürlich, 
handelt es sich doch um das vom 16. bis zum 18. Jahr— 
hundert besonders gepflegte Gebiet des Verstandes. Da war 
nun die Philosophie dieser Zeit gewiß noch nicht hinab— 
getaucht in die Tiefen des menschlichen Seelenlebens, die 
durch die Kultur und Psychologie des Subjektivismus er—⸗ 
schlossen worden sind, so sehr gelegentlich schon einmal die 
Frage aufgeworfen wird, ob denn das bloße Vermögen leben— 
diger Tätigkeit nicht am Ende doch den Urquell psychischen 
Seins bilde. Gleichwohl galt das Individuum doch schon 
als eine von der Natur in jedem Betrachte geschiedene Einheit, 
und der Versuch, ihm die Welt einzuverleiben, wurde daher 
auch schon, zwar noch nicht mit den Mitteln des Kantschen 
Kritizismus, doch aber durch die Statuierung einer höheren 
intellektuellen Auswirkungsfähigkeit des Individuums in der 
Vernunft gemacht. Diese Vernunft galt nämlich als das 
Mittel, die Welt zu beherrschen, indem man diese rationalisierte, 
in Begriffe auflöste. So kam es zu der Lehre von den der 
menschlichen Seele eingeborenen Ideen, von deren Summe aus
	        
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