Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualisti schen. 77
aber sind diese bisher schon zu finden? Ganz in den Anfängen
noch stehen Studien und Erörterungen der Art, wie sie hier
erfordert werden; und tastend und aphoristisch soll man darum
vorläufig verfahren, wenn der Drang der Übersicht eine all—
gemeinere ÄAußerung erfordert. Soviel aber hat sich immerhin
ergeben, daß die Kulturzeitalter durch den Verlauf von großen
Entwicklungslinien aufs innigste aneinander gekettet sind —
von Entwicklungslinien, deren allgemeiner psychischer Charakter
offen zutage tritt — und daß weiterhin innerhalb der einzelnen
Linien der Entwicklung keine so gewertet ist, daß sie die anderen
völlig beherrschte: daß vielmehr ein allgemeines Durcheinander
der Wechselwirkung stattfindet.
Eben diese letzte Erscheinung ist für die Forschung be—
schwerlich, und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß ein voller
Überblick, eine entscheidende geistige Herrschaft über sie aus der
Betrachtung der Entwicklung bloß einer einzigen großen mensch—
lichen Gemeinschaft kaum gewonnen werden kann. Vielmehr bedarf
es hier universalgeschichtlicher Kenntnisse und eines universalen
Horizonts, um ganze Klarheit zu erreichen. Von diesem Stand—
punkte aus aber ist der Überblick auch bald errungen. Denn als
dominierende Faktoren der einzelnen menschlichen Gemeinschafts—
entwicklung können von ihm aus nur diejenigen Elemente in
Betracht kommen, die in die universalgeschichtliche Entwicklung
regelmäßig und reichlich eingehen. Dies aber sind die spezifisch
geistigen, die Elemente der Religion, der Kunst, der Dichtung,
der Wissenschaft, denn eben sie vornehmlich erweisen sich als
durch Zeiten und Räume übertragungsfähig, wenn auch die Über—
tragung anderer Elemente nicht gänzlich ausgeschlossen erscheint.
Darum sind die nationalen Entwicklungen nach ihrem Ver—
laufe zu orientieren, und deren Kulturzeitalter erscheinen daher
vor allem als Zeitalter der Willenstätigkeit und der Welt—
anschauung, der Phantasietätigkeit und des Fortschritts des
Intellektes. Freilich: die Betrachtung dieser geistigen Vorgänge
führt alsbald in die Tiefen auch der sozialen und wirtschaft—
lichen, wie der politischen und selbst der äußeren Entwicklung:
kein Moment der nationalen Geschichte bleibt ihr fremd, und