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Einleitung.
indem sich das zweidimensionale Bild zu plastischer Tiefen⸗
wirkung erweitert, erfordert es eine Kunst der Erzählung,
die mit stets wechselnden Mitteln den wandelnden Aufgaben
des Moments und der Periode, des Zeitalters und der Jahr⸗
hunderte gerecht wrrd.
Soll es aber dem Historiker, der nichts vermag als zu
erzählen, nicht vergönnt sein, in besonderen Augenblicken seiner
Epopöe einmal inne zu halten und hinter den Vorhang zu
schauen, auf den er die bunten Bilder des Lebens fallen läßt?
Soll er nicht eine Wißbegier pflegen dürfen, die fragt, was
denn eigentlich der Inhalt dieser Vorgänge sei und welches
die Mittel, durch deren Wirkung sie hervorgezaubert werden?
Die erste Frage, die sich solcher Wißbegier darböte, möchte
wohl die sein, in welcher Weise denn eigentlich die einzelnen
Kulturzeitalter innerlich miteinander zusammenhängen. Und
da ließe sich denn wohl sagen: es wirke sich in ihnen eine
wachsende Intensität des Seelenlebens aus. Freilich: ist mit
einer solchen Antwort viel mehr erreicht, als ein zusammen⸗
fassender Oberbegriff? Sind die Kammern des Lebens damit
erschlossen?
Wenn aus dem Wahrnehmungsinhalte eines Kultur—
zeitalters der Wahrnehmungsinhalt des nächstfolgenden nicht
abgeleitet werden kann, wenn es sich hier im Grunde nur um
anschauliche Kenntnisnahme, nicht um Verständnis handelt, so
liegt darin nichts Wunderbares. In einem neuen Zeitalter
frisch auftauchende psychische Erscheinungen verknüpfen sich
mit denen eines früheren Zeitalters auf ebensowenig voraus⸗
zusehende Weise, wie vorauszusehen ist, daß aus der Ver—⸗
knüpfung der Wahrnehmungsinhalte Sauerstoff und Wasserstoff
der Wahrnehmungsinhalt Wasser hervorgehen werde. Denn:
ein Ding entsteht aus zweien oder mehreren anderen: heißt
doch eben nur, daß sich zwei oder mehrere Wahrnehmungs—
inhalte in einen zusammenhängenden, den ersteren gegenüber
für uns durchaus neuen, verwandelt haben.
Das tiefste Leben ist in der Geschichte für uns gleich un—
erkennbar wie in der Natur. Ein lebendiges Blatt bildet