Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 79 
unter dem Einflusse von Licht Zucker, ein totes nicht. Warum? 
Es ist ein Geheimnis für Weise wie für Toren. Ein neues 
Zeitalter des Seelenlebens bildet sich aus einfachen Vorgängen 
verstärkter Reizaufnahme bis zur Höhe seiner Vollendung. 
Warum? Du suchst wohl seine Bedingungen oder Ursachen 
auf: warum aber das geschichtliche Leben diesen Bedingungen 
oder Ursachen gerade diese und keine anderen Wirkungen folgen 
läßt: wirst du es je ergründen? 
Und so bleibt als Rest wohl nur der bescheidene Ver⸗ 
such, den Verlauf der Intensitätszunahme menschlichen Seelen⸗ 
lebens innerhalb großer Gemeinschaften zu beschreiben — zu 
erzählen. Und da ließe sich, provisorisch, aus den geringen 
Aufängen vergleichender und universaler und nicht bloß 
nationaler Erforschung dessen, was man mit vollem Rechte 
menschliche Kulturgeschichte nennen mag, etwa folgendes sagen. 
Als primitives, zusammenfassendes Element des Seelenlebens 
kann ein konkretes, rein anschauliches Selbstbewußtsein an⸗ 
genommen werden, als ein Ganzes von Gefühlstatsachen, 
deren jede zur Identität zwischen Subjekt und Objekt ver⸗ 
dichtet ist. Der in einem solchen konkreten Selbstbewußtsein 
vorhandene Bestand von Empfindungen, Reflexen, Funktionen 
des sogenannten automatischen Handelns, aus denen erst Vor—⸗ 
stellungen, Urteile, Gemütsbewegungen, Willensakte erwachsen, 
wird dann, eben in diesem Prozesse des Anwachsens, im Laufe 
der aufeinander folgenden Kulturzeitalter steigend in Ver— 
standes⸗ und Vernunftbewußtsein umgesetzt. Und diese Um— 
setzung erneuert sich im Verlaufe des Seelenlebens jeder mensch⸗ 
lichen Gemeinschaft so lange, bis eine gewisse Leerung des 
Urbestandes erreicht und statt dessen erkennendes Bewußtsein 
eingetreten ist. In diesem Sinne setzt das Selbstbewußtsein 
hoher Kulturen Weltbewußtsein mit ausgedehnter Erinnerung, 
ja Gattungserinnerung, und das heißt geschichtliches Bewußt⸗ 
sein voraus, und kann man behaupten, daß ein gewisses Ziel 
der Entwicklung menschlicher Gemeinschaften auch in der Er— 
kenntnis der ihm angehörenden Individuen bestehe, daß sie 
geschichtliche Wesen seien.
	        
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