Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis z. individualistischen. 83
beginnt Wilhelm von Humboldt den Aufbau eines Staatsideals
des Subjektivismus. Ja selbst die Grundanschauungen einer
subjektivistischen Frömmigkeit werden durch Schleiermacher schon
entwickelt, was eine volle Tiefe der Erkenntnis subjektivistischen
Seelenlebens voraussetzt: „Der ewige Verstand befiehlt es,
und auch der endliche kann es einsehen, daß diejenigen Ge—
stalten, an denen das einzelne am schwersten zu unterscheiden
ist, am dichtesten aneinander gedrängt stehen müssen; aber
jede hat etwas Eigentümliches; keiner ist dem anderen gleich,
und in dem Leben eines jeden gibt es irgendein Moment, wo
er, sei es durch die innige Annäherung eines höheren Wesens
oder durch irgendeinen elektrischen Schlag, gleichsam aus sich
selbst herausgehoben und auf den höchsten Gipfel desjenigen ge—
stellt wird, was er sein kann.“ (Reden über die Religion, 1799.)
Aber dieser Abschluß war, wie gesagt, nur ein vorüber—
gehender. In den Tiefen der Anteil nehmenden Gesellschaft
dauerte die Gärung fort; Goethe ist in den Zeiten seiner
höchsten Klärung keineswegs populär gewesen. Und ergriff
nicht selbst die Dioskuren von Weimar der weiterwallende
Strom von neuem, wenn sie, Goethe seit etwa 1798, Schiller
seit etwa 1800, neben dem Klassizismus Neigungen zur Romantik
verrieten? Denn die Romantik ist die ganz legitime, in ihren
tiefsten Tiefen ganz nationale Fortsetzung des Sturmes und
Dranges: wie sie denn an diesen unmittelbar in all den
Gegenden anschloß, in welche die Einwirkungen des Klassizis⸗
mus nicht gelangt waren.
In der Romantik rrecht eigentlich verbinden sich erst alle
emanzipatorischen Formen des neuen Seelenlebens: der Punkt
wird erreicht, in welchem sich das Neue, nur dem Genius
seiner eigensten Freiheit folgend, am entschiedensten auslebt.
Und wie verschieden erscheint da doch das Persönlichkeitsideal
auch noch von dem des Klassizismus! Man geht wohl gelegent⸗
lich schon von dem Grundsatze aus, daß das höchste Sittlichkeits⸗
prinzip nur dem Quell der reinsten persönlichen Intuition ent—
springen könne: so gibt es denn keine normative Ethik mehr,
denn jedes Sittengesetz mache den Menschen zum Automaten;