Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Einleitung. 
der freie Geist dagegen möge nach den freien Impulsen 
seiner moralischen Phantasie handeln: und nur der Trost 
bleibt noch, daß diese Freiheit nicht für unreife und un— 
produktive Naturen, sondern nur für die „wirklich“ Freien 
gefordert wird. 
Waren damit bedenkliche Folgen eines radikalen Sub— 
jektivismus offen ausgesprochen, so kann es fast als eine Wohl⸗ 
tat des Schicksals erscheinen, daß der Verlauf der Romantik 
nahezu in seiner Mitte durch die ungeheuere Umwälzung des 
äußeren Geschickes unserer Nation unterbrochen ward, die durch 
die französische Revolution und das Wirken Napoleons IJ. herbei— 
geführt wurde. Da trat der raschen und gefahrdrohenden Ent⸗ 
wicklung im Reiche des mehr abstrakten und kontemplativen 
Seelenlebens der Ernst und das Schrecknis schwerer Schicksals⸗ 
schläge des äußeren Daseins entgegen und lehrte Einkehr, Be— 
grenzung und Selbstzucht. So gewannen die selbstbin denden 
Tendenzen der neuen Kultur höhere Kraft; und durch ihren 
seit etwa 1808 bis 1810 immer stärker wachsenden Einfluß 
wird die Zeit des romantischen Seelenlebens geradezu in zwei 
Abschnitte zerlegt, die durch je etwa ein Menschenalter be— 
zeichnet sind: einen Abschnitt der Frühromantik (etwa 1785 
hbis 1815), die als ein abklärender Sturm und Drang, unter 
Verlegung des Mittelpunktes der Entwicklung vom Dichten 
in das Denken, bezeichnet werden kann, und in einen Abschnitt 
der Spätromantik (etwa 1810 bis 1830), in dem das Zentrum 
der Entwicklung schon auf die Wissenschaft, besonders die 
Pflege der Geisteswissenschaften, übergeht. 
Dieser zweite Abschnitt hat dann leise und in mancher 
Hinsicht beinahe unmerklich in eine neue Phase des Sub⸗ 
jektivismus übergeführt: die realistische. Der Ausdruck Realis⸗ 
mus ist für das Seelenleben der dreißiger, wenn nicht teilweise 
schon zwanziger bis fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts 
gebräuchlich: und deutlich in der Tat prägt sich in ihm das 
Emporkommen eines Zeitalters der Naturwissenschaften und 
der rein empirisch gemeinten Geisteswissenschaft aus, sowie einer 
Sinwendung zur Losung der politischen und auch schon sozialen
	        
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