Das subjektivistische Zeitalter i. seinem Verhältnis 3. individnalistischen. 87
Entwicklung her Reize hervorgegangen, deren Einfluß auf das
Seelenleben sich in der frühsubjektivistischen Kunst der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts wiederspiegelt. Indes diese erste
Höhenbewegung gleichsam in der Durchbildung des modernen
deutschen Wirtschaftslebens war, wenn auch entwicklungs⸗
geschichtlich von höchstem Interesse, doch quantitativ und
dynamisch nicht von allzustarker Wirkung; und so erschöpft
sich, wenn man das Ganze der deutschen Geschichte der letzten
Jahrhunderte betrachtet, ihre vornehmste Bedeutung fast darin,
daß fie aus ihrer ganzen inneren Struktur her den Beweis
erbringt, daß die Zeit seit etwa 1730 bis 1750 bis zur Gegen⸗
wart auch wirtschafts⸗— und sozialgeschichtlich einen innerlich
aufs innigste zusammenhängenden Verlauf von Tatsachen dar⸗
stellt. Von wie anderer Bedeutung sind dagegen die wirt⸗
schaftlichen und sozialen Schicksale gewesen, die unser Volk seit
den dreißiger Jahren etwa des 19. Jahrhunderts erlebt hat!
Aufs tiefste haben sie in den ganzen Bau unseres Volkslebens
eingegriffen, und niemand wird daran zweifeln, daß ihrer
Einwirkung vor allem jene neuen Reizmengen verdankt wurden,
die eine völlig neue Periode des Subjektivismus herbeigeführt
haben. Denn noch zittert in dem modernen Seelenleben allent⸗
halben dieser Ursprungscharakter aus dem rastlosen Treiben vor
allem des Wirtschaftslebens nach:
Flügel weit, den Blick nach oben,
Windgesellen, hoch erhoben,
Fliegen wir den Sternen zu,
Und an Paradiesesküsten
Neuer Welten rastend, lüsten
Hoͤher wir. Unruhige Ruh.
(Falke, Tanz und Andacht, 1893.)
Dabei weist diese neue Zeit, soweit sie bisher verlaufen ist,
der älteren Zeit analoge Einzelphasen der Tntwicklung auf:
der Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts entspricht die Reiz⸗
samkeit der siebziger und achtziger Jahre des neunzehnten;
wie das 18. Jahrhundert haben auch wir einen Sturm und
Drang erlebt; und wer wird perkennen, daß die Gegenwart,