Neue Weltanschauung.
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um im Reiche der Ideen, der ewigen Urformen des Seienden,
anschauend-selig zu weilen. Und Szenen voll wärmster
Farbenpracht umschlingen ihn und führen ihm in der klassischen
Walpurgisnacht die idealen Schemen der Geschichte vor. Aber
wie wenig stillen sie seinen Durst. Aus dem Schattenreiche
des Anschauens stürzt er fort in den Kampf mit den harten
Mächten der Wirklichkeit bis zum Ringen schließlich gegen die
Natur selbst: und mit dem Meere besteht er den siegreichen
Strauß, um „auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehn“!.
Und erst auf diesem Boden, auf dem Boden herben
Kampfes und härtester Tat, erwächst dann wie Faust so dem
Dichter das Ideal der Unsterblichkeit. Eben darum ist die
Unsterblichkeit der Seele Goethen kein Gegenstand der Er—
kenntnis, sondern eine praktische Forderung gewesen. Und
als Forderung war sie ihm keineswegs für alle, Tüchtige und
Untüchtige, gleich selbstverständlich, sondern hing ihm ab vom
Werte persönlichen Tuns. „Wir sind nicht auf gleiche Weise
unsterblich, und um sich künftig als große Entelechie zu er⸗
weisen, muß man auch eine sein“:
Wer keinen Namen sich erwarb noch Edles will,
Gehört den Elementen an: — so fahret hin!
In diesem Zusammenhange konnte der Dichter wohl scharfe
Worte von „niederem Weltgesindel“ sprechen, von einem
„wahren Monadenpack, womit wir in diesem Planetenwinkel
zusammengeraten sind“ — und niemals hätte er moralischer
und intellektueller Faulheit, taten- und gesinnungslosem Wefen
die Unsterblichkeit zuerkannt.
Es sind die Züge seines Wesens, in denen er sich viel⸗
leicht am innigsten mit seinem großen Mitkämpfer, dem
Freunde seines reifen Mannesalters, dem Ideal seiner späten
Tage, mit Schiller berührt hat.
7. Schillers Weltanschauung ist aufs engste mit seinen
besonderen sittlichen und künstlerischen Idealen verflochten.
Windelband, Straßburger Goethevorträge S. 106.