Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
Wir würden ihr nicht gerecht werden, wenn wir uns nicht 
durch deren Darstellung den Zugang zu ihr eröffneten — ja 
sie eben in ihrer Auswirkung in diesen recht eigentlich schon 
kennen lernten. Ethik und Ästhetik Schillers aber lassen sich 
in ihrer vollen Reife wiederum kaum verstehen ohne die 
Parallelarbeit, ja teilweis unmittelbare Mitarbeit Goethes: 
und so soll zunächst von dieser erzählt werden. 
Da ist es denn für den Leser des soeben beendeten Ab— 
schnittes kaum nötig zu bemerken, daß Goethes Lehre von der 
Kunst ganz in seiner Naturanschauung wurzelte. Keineswegs 
aber lief sie in diesenm Zusammenhange auf den Gedanken 
einer bloßen Nachahmung der Natur hinaus, wie sie noch die 
erste Hälfte des 18. Jahrhunderts gelehrt hatte, und wie sie 
auch den Zeiten der Empfindung und des Sturmes und 
Dranges, insofern diese einen neuen Naturalismus der 
Dichtung entwickelten, nicht eben fern gestanden hatte. Viel— 
mehr, wie der Dichter in seiner Naturbetrachtung tief hinab 
griff bis auf die Ideen und Urphänomene, um aus ihrem 
innersten Wirken die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zu 
verstehen und abzuleiten, so drang er auch in der Welt der 
Dichtung und Kunst alsbald von der Hülle der Erscheinung 
zu deren Kern, zu deren tieferem Sinne vor. Und konnte er, 
indem er so verfuhr, nicht in der Tat auf ein ‚Urphänomen“ 
der Kunst treffen? Schopenhauer hat einmal geäußert, der 
Begriff, so nützlich er fürs Leben und so brauchbar, notwendig 
und ergiebig er für die Wissenschaft sei, bleibe doch für die 
Kunst ewig unfruchtbar: die aufgefaßte Idee sei die wahre 
und einzige Quelle jedes echten Kunstwerkes. Es ist die 
Elementarerfahrung aller großen idealistischen Künstler gewesen 
jeglicher Zeit und jeden Ortes. „Um eine Schöne zu malen,“ 
schreibt Raffael an seinen Freund Castiglione, „müßte ich deren 
mehrere sehen; da nun aber immer Mangel an richtigem Ur— 
teil wie an schönen Frauen ist, bediene ich mich einer gewissen 
Idee, die in meinem Geiste entsteht.“ Und Dürer, Raffaels 
großer Zeitgenosse und bewußter Nebenbuhler, meint dasselbe 
mit dem epigrammatischen Worte, die Kunst stecke in der
	        
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