Zweiundzwanzigstes Buch.
Man sieht: es genügt Goethen nicht, daß durch mecha—
nische Zusammensetzung gleichsam einzelner vorzüglicher Stücke,
die sich in verwandten Erscheinungen der Natur zerstreut
finden, eine Art von Urbild, ein Typ künstlerisch gestaltet
werde; dieser Akt war zum Teil das Verfahren des Sturmes
und Dranges gewesen. Nein: er fordert darüber hinaus noch
eine ruhige, anschauliche Versenkung in die typischen Seiten
des Gegenstaͤndes bis zum mystischen Sichverlieren in dem—
selben und darauf eine Wiedergeburt des künstlerischen Ver—
mögens aus dieser Versenkung in dem Sinne, daß sie zu
einer real⸗idealistischen Nachschöpfung befähige: und eben hierin
sieht er die Aufgabe einer idealistischen Kunst, für uns der
Kunst des Klassizismus. So versteht es sich, daß ihm das
Schöne zu einer Manifestation geheimer Naturgesetze wird, die
uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben;
und daß er, wenn die Natur ihre offenbaren Geheimnisse zu
enthüllen anfängt, eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer
würdigsten Auslegerin, der Kunst, empfindet. Und so werden
ihm Typ im höheren Sinne und Symbol zu den erhabensten
Formen wie jeglicher Kunst so auch der Dichtung; und er er—
hebt sich, vor allem in seiner Lyrik, über sein ihm begrifflich
unverständlich bleibendes Selbst, indem er sich als fremd
anschaut und sein Selbst in typisierten und symbolisierten
Empfindungen und Handlungen wie in dem reinigenden Bade
einer höchsten Selbstreflexion von neuem gestaltet. „Denn
das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das All—
gemeine repräsentiert, nicht als Traum oder Schatten, son—
dern als lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforsch—
lichen.“
In der objektiveren Kunst aber, wie sie sich der Lyrik
entgegenstellt, im Epos und im Drama brachte diese Auf—
fassung doch auch eine typische Durchformung der behandelten
Gegenstände mit sich, in der sich nicht minder Allgemeines
und Besonderes zu einer höheren, eben nur noch dichterisch
zu erfassenden Einheit verbanden. Denn auch hier handelte
es sich nach Goethe nicht bloß um ein typisches Schicksal, das,