Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
307 
nünftige Begierde aber als eine deutliche Erkenntnis des Guten 
oder Schlechten. 
Unerschöpflich ist dann Wolff in der Abgrenzung und 
Unterteilung der so festgestellten Vermögen gewesen, indem er 
sie im Sinne aristotelischer Dichotomien in immer kleinere 
Schubfächer einschachtelte, mochten sie nun Einbildungskraft 
oder Dichtkraft, Gedächtnis oder Verstand, Witz oder Vernunft 
oder sonstwie heißen. Und so ist er in dem begrenzten Ge— 
hiete der Definition seelischer Vermögen immerhin von länger 
währender Bedeutung geworden. 
Im übrigen aber kam es in der Entwicklung der Psycho— 
logie eben in der Zeit, da Wolffs System allgemeine Ver— 
breitung fand, zu einer starken Wandlung. Und zwar nach 
zwei Seiten hin. Einmal konnte man an dem Gedanken einer 
intellektualistischen Psychologie festhalten, aber sie anders als 
Wolff aufzubauen suchen. Es war natürlich eine Aufgabe der 
mmer noch weiterwirkenden Strömung der Aufklärung, insofern 
diese, wenn auch an Kraft der Entfaltung nachlassend, bis ins 
19. Jahrhundert hinein fortwährte: denn die intellektualistische 
Psychologie ist mit der Aufklärung Kind des gleichen individua— 
listischen Zeitalters. Auf diesem Gebiete war es zunächst mög⸗ 
lich, der Vorherrschaft der intellektuellen Tätigkeit die Auf— 
forderung zu entnehmen, diese Tätigkeit selbst einmal genauer 
zu untersuchen: dann ergab sich die Abstraktion der Vor— 
stellung als der einfachsten, allem anderen zugrunde liegenden 
Funktion, und die verwickelteren seelischen Vorgänge wurden 
als Verknüpfungen, als Assoziationen von Vorstellungen ge⸗ 
deutet. Es war die Richtung, welche die Engländer eigentlich 
schon seit Locke, dann aber namentlich seit Hartley und Hume 
eingeschlagen hatten; sie führte zur Ausbildung des Systems 
der Assoziationspsychologie. Aus dieser Psychologie ist dann 
später vornehmlich in Herbarts Denken die Psychologie des 
Vorstellungsmechanismus hervorgegangen, indem man sich be⸗ 
strebte, die allgemeinen Gesetze aufzufinden, nach denen die 
Assoziation der Vorstellungen erfolgen möchte. 
Daneben aber trat noch eine zweite ganz andere Ent—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.