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Zweiundzwanzigstes Buch.
fangen will, noch immer Distanz von seiner Seele. Die äußeren
Erscheinungen dagegen im vollen Wesen ihres Anblickes wieder—
zugeben, ist ihm hier, wie noch mehr in dem früher ein—
geschalteten Gedichte gelungen; und es ließen sich auch sonst
aus seinen rein lyrischen Gedichten Beispiele genug dafür an—
führen, daß er auf diesem Gebiete Meister war über seine
Vorgänger hinaus.
Diese besondere Lage nun: Andrängen gegen die Er—
eignisse des Herzens, vollere Beherrschung der Wiedergabe der
Außenwelt als bisher: führte in diesem Momente zum Empor—
blühen einer Dichtungsform, deren früheste Andeutungen im
Sinne späterer Vollendung schon bei Schubart vorliegen:
der Ballade, der kurzen, mit lyrischen Elementen durchsetzten
epischen Erzählung.
Dabei ermangelte diese Entwicklung nicht der äußeren,
auch volkstümlichen Anknüpfung. Gassenhauer und Bänkel—
sang waren alte Formen nationaler Lyrik; immer hatten sie
mit epischer Betrachtung gut Freundschaft gehalten; ja die
kurze Relation von Geschichte und Geschichten hatte stets zu
ihren unmittelbaren Aufgaben gehört. So blühten sie auch
im 18. Jahrhundert fort: auf der Landstraße und im Wirts—
haus, im Munde des Jägers und des Hirten — bis hinab
zu den „neuesten Geschichten“, die auf Markt und Messe als
erklärender Text zu schauerlich gemalten Bildern gesungen
wurden.
An diese Afterdichtung hatte, nicht ohne englische An—
regung, schon Gleim angeknüpft, um eine Art gebildeter
Bänkelsängerei zu beginnen, aus der dann später die dichte—
rische Parodie, bis zu Blumauers Aneis hin, hervorgegangen
ist. Ja diese besondere Form des Sanges hatte in Daniel
Schiebeler (1741 -1771) einen in seiner Art höchst vergnüg—
lichen Vertreter gefunden. Es sind Bestrebungen, die neben
Empfindsamkeit und Sturm und Drang her und über sie hinaus⸗
laufen, wie das moderne Überbrettl- und Kabarettwesen der
Reizsamkeit und der literarischen Revolution der achtziger Jahre
und späterer Zeit zur Seite gegangen ist.