Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

154 
Zweiundzwanzigstes Buch. 
fangen will, noch immer Distanz von seiner Seele. Die äußeren 
Erscheinungen dagegen im vollen Wesen ihres Anblickes wieder— 
zugeben, ist ihm hier, wie noch mehr in dem früher ein— 
geschalteten Gedichte gelungen; und es ließen sich auch sonst 
aus seinen rein lyrischen Gedichten Beispiele genug dafür an— 
führen, daß er auf diesem Gebiete Meister war über seine 
Vorgänger hinaus. 
Diese besondere Lage nun: Andrängen gegen die Er— 
eignisse des Herzens, vollere Beherrschung der Wiedergabe der 
Außenwelt als bisher: führte in diesem Momente zum Empor— 
blühen einer Dichtungsform, deren früheste Andeutungen im 
Sinne späterer Vollendung schon bei Schubart vorliegen: 
der Ballade, der kurzen, mit lyrischen Elementen durchsetzten 
epischen Erzählung. 
Dabei ermangelte diese Entwicklung nicht der äußeren, 
auch volkstümlichen Anknüpfung. Gassenhauer und Bänkel— 
sang waren alte Formen nationaler Lyrik; immer hatten sie 
mit epischer Betrachtung gut Freundschaft gehalten; ja die 
kurze Relation von Geschichte und Geschichten hatte stets zu 
ihren unmittelbaren Aufgaben gehört. So blühten sie auch 
im 18. Jahrhundert fort: auf der Landstraße und im Wirts— 
haus, im Munde des Jägers und des Hirten — bis hinab 
zu den „neuesten Geschichten“, die auf Markt und Messe als 
erklärender Text zu schauerlich gemalten Bildern gesungen 
wurden. 
An diese Afterdichtung hatte, nicht ohne englische An— 
regung, schon Gleim angeknüpft, um eine Art gebildeter 
Bänkelsängerei zu beginnen, aus der dann später die dichte— 
rische Parodie, bis zu Blumauers Aneis hin, hervorgegangen 
ist. Ja diese besondere Form des Sanges hatte in Daniel 
Schiebeler (1741 -1771) einen in seiner Art höchst vergnüg— 
lichen Vertreter gefunden. Es sind Bestrebungen, die neben 
Empfindsamkeit und Sturm und Drang her und über sie hinaus⸗ 
laufen, wie das moderne Überbrettl- und Kabarettwesen der 
Reizsamkeit und der literarischen Revolution der achtziger Jahre 
und späterer Zeit zur Seite gegangen ist.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.