Neue Dichtung.
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auch Lenz in jungen Jahren anakreontisch und —
lange Zeit blieb ihm noch ein Rest freundlichen Rokokos. Doch
in wie hohem Grade erscheint schon dieser Rest gelegentlich
subjektivistisch gefärbt und zugleich persönlich bedeutsam:
Aus ihren Augen lacht die Freude,
Auf ihren Lippen blüht die Lust,
Und unterm Amazonenkleide
Hebt Mut und Stolz und Drang die Brust;
Doch unter Locken, welche fliegen
Um ihrer Schultern Elfenbein,
Verrät ein Seitenblick beim Siegen
Den schönen Wunsch, besiegt zu sein.
In seinen eigentlichsten Schöpfungen aber verliert der
Dichter auch die letzten Spuren der Dichtung der Vergangen—
heit: in der Form wie im Inhalte wird er nun ganz er selber:
Selbsterlebnis, Selbstbekenntnis wird Stern und Kern seines
Schaffens.
Ach, eh' ich dich, mein höchstes Ziel,
Eh' ich dich fand, welch mutlos Streben,
Welch regelloses Fibernspiel,
Bald der, bald der mein junges Leben
Mit allen Freuden preiszugeben,
Nachdem es ihrem Stolz gefiel.
Und keine sah es, was ich litte,
Und keine hörte meine Bitte,
Verstand mein Sehnen, meine Pein,
Mir liebenswert, mir was du bist zu sein.
Jetzt hab' ich dich — und soll dich lassen,
Eh' möge mich die Hölle fassen!
Wie vertieft sich da schon die Selbstbeobachtung, wie be—
lebt sich der Rhythmus! Und zugleich mit der Objektivität
schwindet die breite Schilderung, die lyrische Kantilene. Kein
verweilendes Atmen mehr, kein langes Verschnaufen; und
neue Müunze eigenster Beobachtung in vollwichtigen Stücken,
nicht mehr das alte Kleingeld einer abgegriffenen poetischen
Scheidemünze. So treten denn, ein charakteristisches Zeichen
des Fortschrittes, die ersten vollendeten lyrischen Vierzeiler der
neuen Dichtung auf: